Samstag, 17.11.2012

Kuschel mich per Smartphone

Finnische Informatiker haben den Prototypen eines Smartphones ("ForcePhone") entwickelt, mit dem man sich knuddeln kann, las ich Freitag (16.11.2012) WWW: beim "New Scientist". Und ja, auch das "Nokia Research Center" war daran beteiligt. Werden Blog: die Finnen Amerikaner und Südkoreaner schließlich mit ihren verschmusten Telefonen in die Knie zwingen? Spannend sind die Nachrichten, die "Pressages" und nicht mehr nur Messages heißen, trotzdem. WWW: In einem Paper haben die Forscher genau erklärt, wie das funktioniert: Der Sender drückt während des Telefonierens auf das spezielle Smartphone, je nach Intensität des Drucks wird die Pressage beim Empfänger in ein spezielles Vibrationsmuster übertragen. Im besten Fall also ein Streicheln an der Wange. Ja, an der Wange. Beim Telefonieren. Denn dabei fehlen uns ja nonverbale Signale wie sie wir von der normalen Kommunikation kennen: ein Zwinkern, Lächeln - oder eben Streicheln. Hier wird deutlich, wie tief das Mobiltelefon inzwischen in unser Alltagsverhalten integriert ist. Das war vor einigen Jahren noch durchaus bemerkenswert.

smartphone_g.jpg

Als ich 2006 meine Magisterarbeit über "ubiquitäre Erreichbarkeit" schrieb, waren Handys schon eine ganze Weile im Mainstream angekommen. Die neuen Möglichkeiten der Mobilkommunikation hatten sich mir zur Jahrtausendwende eröffnet - wie passend. Es war keine stille Revolution des menschlichen Umgangs miteinander, sondern eine laute, plappernde, dauerpräsente, die natürlich auch Kultur-, oder sollte man sagen: Kommunikationspessimisten, auf den Plan rief. (Das ist nur eine Vermutung, aber ich gehe davon aus, dass sie auch Sätze sagen wie: "Also ich brauche keine virtuellen Freunde".)

Veränderung ist Irritation, soweit keine Überraschung. Dass Handys uns aber nicht nur erreichbar, sondern auch verfügbar und abhängig machten, interessierte mich damals mehr als analoge Stammtischparolen. Wir telefonierten nicht nur mobil, wir organisierten zunehmend auch unser Privatleben und Gefühlsleben über unsere Telefone, die damals technisch kaum mehr als das waren.

Gut, damals wie heute gibt es so etwas wie ein Generation Gap zwischen jungen und tendeziell älteren Usern. Tendenziell älter, weil die Grenze nicht mehr so klar zu ziehen ist wie noch vor ein paar Jahren.

2006 erschien es mir sinnvoll, so zu unterscheiden: Wer sein Handy zunächst ausschließlich beruflich nutzt, wird das Gerät auch später vor allem zur Abwicklung "organisatorischer Probleme" verwenden. Wer hingegen keinen beruflich-professionellen, sondern von Anfang an vornehmlich privaten Nutzen aus dem Handybesitz zieht ... Bingo!, hier haben wir diejenigen, die Liebesbotschaften per Sims schicken und im Zweifelsfall Minuten zählen, bis eine Antwort kommt. Darum wollte ich wissen, welche unausgesprochenen zwischenmenschlichen Regeln sich schon damals bei Mobiltelefonnutzern etabliert hatten, um mit (dem Versprechen) der Erreichbarkeit im Alltag klarzukommen.

Besonders interessant: Paare. Der Partner ist in der Regel die wichtigste Kontaktperson. Das Handy spielt für Partner mit getrennten Haushalten eine besonders große Rolle. Emotionales muss also auch fernmündlich oder -schriftlich übermittelt werden, "die Betonung des Beziehungsaspekts steht (bei der Kommunikation via Handy) im Vordergrund" nannte ich das damals. "Häufige Telefonate und emotionale Kurzmitteilungen haben einen vorwiegend symbolischen Charakter". Wenn es also erst das Streichelphone gibt - Fernbeziehungen werden so viel besser funktionieren. WWW: Erste Tester des "ForcePhones" nutzten die Vibrationsfunktion etwa zu Beginn des Gesprächs ("schön, dich zu sprechen!") oder um die Aufmerksamkeit des anderen zu erhöhen ("Du hörst mir nicht zu!"). Fernbeziehungen werden so viel besser funktionieren.

ich hatte irgendwann den Eindruck dass diese "Zauber-Kaschterln" ab einem besimmten Zeitpunkt sich zum "Fetisch" entwickeln - sowohl als Warenfetischismus im Marxchen Sinne als auch zum sexuellen Fetisch degeneriert à la S. Freud und nicht zuletzt scheint es auch ein religiöser Fetisch zu sein so wie manche diese Geräte bedienen und verehren als sei es ein Rosenkranz oder eine Gebetsmühle mit übernatürlichen Eigenschaften behaftet.

Kurt Volkmann am 18.11.12 15:07

Sie haben selbst auch dem letzten Leser die nötigen Hinweise gegeben ... "ja, an der Wange" und dann der Absatz über die Kuschelfunktion und das haptische Telefonieerlebnis...Ja so spielt man mit der Fantasie der Leser/innen.
Freuen wir uns auf die Zeiten, wenn nicht mehr von spiegelnden sondern von samtigen Oberflächen der Geräte die Rede sein wird, die dann auch nicht mehr Smartfones heissen werden, sondern Sensual Fones.
Und vielleicht, vielleicht sind sie dann ja auch wieder ein bisschen kleiner, nicht mehr so eckig, sondern viel runder....

Klint Ostwald am 18.11.12 20:07

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