Sonntag, 11.11.2012

Twitter-Tussis und iPad-Idioten

Es gibt zwei Möglichkeiten. Nummer eins: Man kann die Dinge fein beobachten und auf den Punkt bringen. So wie das Nick Bilton für die New York Times getan hat. Nach der Wahlnacht in den USA WWW: bloggte er: "Vor vier Jahren wurde getwittert, was das Fernsehen gerade sendet. Heute sendet das Fernsehen, was gerade getwittert wird."

Möglichkeit Nummer zwei: Man mischt etwas Sexismus und Polemik dazu und schreibt Dinge wie Stefan Winterbauer im Branchenmagazin Meedia. WWW: Sein seltsamer Artikel dort beschäftigt sich mit dem "neuen Trendberufsbild Twitter-Tussi", einem Job für "junge Damen, die halbwegs gescheit ausschauen und 'was mit Medien' machen wollen", den Zuschauern "Facebook und Twitter näherbringen sollen", damit aber alle scheitern.

Frederic Huwendiek im ZDF; Rechte: ZDF
Überraschung: Es gibt auch männliche Twitter-Tussis!

Natürlich ignoriert Winterbauer, dass es auch eine amtliche Menge männlicher Twitter-Tussis gibt, sozusagen iPad-Idioten: zum Beispiel WWW: Frederic Huwendiek mit der "Woche im Web" im ZDF oder WWW: Andreas Cichowicz in der Wahlnacht der ARD. Selbst ich habe mich im WDR Fernsehen mal dafür hergegeben. Abgesehen davon verhindert allein der Quatschbegriff "Twitter-Tussi", dass man mal ernsthaft darüber diskutiert: über den ganzen großen Unsinn der Internet-Vorleser im Fernsehen.


Internet-Vorleser im Fernsehen - absurde Realsatire

Klar: Über ARD und ZDF regen sich sowieso immer alle auf. Diejenigen, die jetzt die Internet-Vorleser im öffentlich-rechtlichen Fernsehen kritisieren, wären wahrscheinlich auch die Ersten, die laut aufschreien, wenn Twitter und Facebook gar keine Rolle spielen würden. Ich gehöre auch dazu: kein Internet, das ginge gar nicht.

Trotzdem: Sich vor eine Kamera zu stellen und Tweets vorzulesen, WWW: ist Realsatire. Im besten Fall fühlt es sich so an, als müsse man seinem Gegenüber einen Witz erklären. Und im schlimmsten Fall ist es so wie WWW: Jeannine Michaelsen es im Sommer am ZDF-Fußballstrand erlebt hat. Als Katrin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn daneben standen und guckten, als hätten sie zum ersten Mal im Leben einen Computer gesehen - was für ein absurdes Rollenspiel. Ein Highlight des gepflegten Fremdschämens.

Hätten Müller-Hohenstein und Kahn eine Zeitung, einen Brief oder ein Telefon genauso angesehen? Als würden sie niemals auf die Idee kommen, zu lesen, zu telefonieren oder etwas per Post zu verschicken? Als wäre es außerirdische Raketentechnik, von Normalsterblichen nicht zu bedienen? Ich glaube nicht.


Bitte, liebe Kollegen, hört auf damit!


Jeannine Michaelsen ist als Internet-Vorleserin am ZDF-Fußballstrand einem breiten Publikum bekannt geworden. Dafür musste sie viel Häme einstecken.

Wenn ich Internet-Vorleser im Fernsehen sehe, ärgere ich mich über meine Zunft. Jeannine Michaelsen bezeichnet die Frage "Was sagt das Netz?" als WWW: "schlimmste Frage der Welt". Sie kann aber nichts dafür: Sie antwortet nur. Die Frage selbst stellen andere. Weil die Redaktion der Sendung das so will. Vielleicht liegt hier das eigentliche Problem: Redakteure, die noch nie mit Facebook und Twitter gearbeitet haben. Die bei einem YouTube-Video im Fernsehen "Quelle: Internet" einblenden und denken, das reicht. Die selbst im Jahr 2012 noch nicht im Netz angekommen sind.

Ich ärgere mich darüber auch, weil wir uns so von unseren eigenen Zuschauern distanzieren: Wir stellen das Internet im Fernsehen immer noch als "virtuelle Welt" dar, als "Cyberspace", der nichts mit dem "echten Leben" zu tun hat. Begriffe, von denen ich eigentlich dachte, dass sie schon Ende der Neunziger ausgerottet waren. Im "echten Leben" sind die meisten Menschen nämlich online. Die jüngeren unterscheiden nicht einmal mehr zwischen online und offline. Dafür muss man nur mal in WWW: die aktuelle ARD/ZDF-Onlinestudie gucken.

Ich träume von einer idealen Fernsehsendung. Einer ohne Internet-Vorleser. Mit einer Redaktion, die online ist. Und mit Moderatoren, die sagen, was Sache ist - egal, ob sie davon per Brieftaube, Telefon, Zeitung, E-Mail oder Twitter erfahren haben. Vielleicht können die Internet-Vorleser dazu beitragen: indem sie sich selbst abschaffen.

Und mal abgesehen davon: Wofür soll ich überhaupt noch Fernsehen gucken, wenn ich dort eh nur sehe, was gerade getwittert wird? Dafür gibt es schließlich Twitter.


Update 11.11.2012, 20.00 Uhr: Der Kollege Stefan Moll ist anderer Meinung - und erklärt in seiner Blog: "Replik auf 'Twitter-Tussis und iPad-Idioten'" ganz genau, warum.

Update 13.11.2012, 13.35 Uhr: Der geschätzte ZDF-Kollege Frederic Huwendiek hat das Thema WWW: bei Google+ aufgegriffen und erklärt, warum er noch eine Weile als Internet-Vorleser weiterarbeiten möchte.

Lieber Dennis, ich schätze Dich ja auf Twitter sehr.
Aber was gerade, insbesondere bei meedia, diese Woche abläuft, ist teils sexistische, teils konkurrenzbedingte Demontage modernen medialen Arbeitens. Einerseits wird nerdig belächelt, wie eine Generation nicht Internet Bewanderter große Augen vor dem ipad macht, andererseits bügelt man Leute ab, die nichts anderes tun, als klassisch journalistisch arbeiten. Will heißen, Fragen und Antworten aufnehmen und journalistisch verarbeiten. Ob man früher dazu Telefonleitungen schaltete oder einfach einem "Publikumszuschauer" ein Mikrofon vor den Mund hält oder heute eben direkt vom Bildschirm abliest, ist sowas von Jacke wie Hose! Jeannine Michaelsen hat vollständig recht, wenn sie gesteht, dass sie von HTML oder PHP keinen Schimmer hat. Das ist auch völlig irrelevant für ihren Aufgabenbereich. Als würde man von Claus Kleber fordern, die Green Box des heute Journals zu verstehen. Brigitte Büscher wird zu recht ja auch nicht als Tussi bezeichnet.

Crooklyn am 11.11.12 12:25

und noch was: Das, was einen Journalisten weiterhin ausmachen wird, ist qualitativ gute journalistische Arbeit und nicht, ob er die moderne Technik komplett beherrscht. Vielen Medienleuten gilt dies schon als Hauptqualifikation. Das junge Journalisten auch erstmal seichtere Aufgaben bekommen, diese Erfahrung hast Du selbst gemacht. Was bringt also dieses Rumgehacke unter dem journalistischen Nachwuchs? Und werdet euch auch des Sexismus bewusst. Uli Deppendorf wurde auch nicht diskreditiert, als er simple Wahldiagramme "erklärte". Das ist alles als konstruktive Kritik gemeint. Zusammenrücken hilft mehr als einen Keil zwischen junge Journalisten treiben!

Crooklyn am 11.11.12 12:36

@Crooklyn: Was die Kritik an Meedia angeht, gebe ich dir absolut recht, vor allem im Punkt Sexismus. Ich hoffe, es wird direkt zu Beginn des Artikels klar, dass ich das nicht gutheiße und mir deshalb der Begriff "Internet-Vorleser" viel viel lieber ist.

Was die anderen Punkte angeht: Früher hat man Telefonleitungen geschaltet oder einem Zuschauer ein Mikrofon vor die Nase gehalten, richtig. Man hat aber keinen extra Mitarbeiter installiert, der dann statt des Moderators mit ihnen gesprochen hat. Mir geht es auch viel weniger um die Qualifikation von Journalisten als um die gestellte Darstellungsform im Fernsehen - die wird der Wirklichkeit einfach nicht gerecht.

Dennis Horn am 11.11.12 13:13

Das Feedback freut mich. Noch erfreulicher wäre mal ein Austausch unter euch: @michaelsen_J, @alrightokee oder @tilojung etc.
Gestellte Darstellungsform müsstest Du nochmal erläutern. Extra Mitarbeiter installiert würde ich unter Arbeitsteilung einordnen. Vielleicht täte es dem login-Format wirklich gut, wenn sich Michaelsen und Ulrich abwechseln würden. Wie die redaktionelle Arbeit dort läuft, kann ich nicht beurteilen, das wisst ihr besser. Wenn ihr euch das insgesamt anders vorstellt, ohne "Vorleser", dann tragt das an die Programmverantwortlichen heran. Aber es gibt weder Twitter-Tussis noch ipad-Idioten. Die machen mehr oder weniger professionell nur das, was Programmchef-Tussis und Programmdirektor-Idioten ihnen vorschreiben.

Crooklyn am 11.11.12 13:38

Die Punkte, die du ansprichst, beschreibe ich im Artikel sehr genau, zum Beispiel den Punkt der gestellten Darstellungsform. Abgesehen davon sehe ich das Problem auch in den Redaktionen, nicht bei Jeannine oder Frederic oder wem auch immer. Die Redaktionen sorgen dafür, dass es on air so läuft wie es läuft - auch das spreche ich im Artikel ja an. ZDFlogin halte ich für einen Sonderfall. Da gibt das Format an sich die Richtung vor.

Dennis Horn am 11.11.12 13:43

und zu dem Artikel auf "Gastauftritt": Leute, kommt doch mal runter. Ich schätze euch junge Journalisten, die ihr euch mit dem "Netz" auskennt sehr. Aber wenn man sich innerhalb der Medien mit dem Web beschäftigt, muss es nicht gleich Pulitzer-Niveau haben. Demnächst ist es auch fragwürdig, Verkehrsmeldungen im Radio vorzulesen oder wie? Journalistische Alltagsarbeit hat viel profanes, insbesondere in der Präsentation. Redaktionell gute Arbeit und Recherche sind die Basis. Wenn ihr den zwischen den Zeilen Genannten hier Vorwürfe machen wollt, dann bitte direkt und nicht durch die sexistische oder nerdige Blume!

Crooklyn am 11.11.12 13:49

Zu Deinem letzten Kommentar: ich gebe Dir recht. Deine Kritik ist recht konkret und sicher angebracht. Schon im direkten Austausch mit denen, die jetzt als Bauernopfer am Pranger stehen?

Crooklyn am 11.11.12 13:53

Ich träume auch von was: Von einer Welt, in der es keine Menschen mehr gibt, die glauben, mit ein wenig rumsurfen im Web, dem hohlen Blubbern und Widerkäuen bei Twitter und dem egozentrischen Getue auf FB hätten sie "das Internet" verstanden und dürften demnach Anderen deren kleine Welt erklären.

Klaus Lohmann am 11.11.12 14:22

@Crooklyn: Ich habe niemanden an den Pranger gestellt und sage ja extra: Ich finde nicht, dass Kollegen wie Jeannine Michaelsen oder Frederic Huwendiek etwas Falsch machen. Die machen einen guten Job und holen das Beste raus. Ich finde, dass die Redaktionen im Hintergrund solche Darstellungsformen gar nicht erst schaffen sollten. Und ja, überall, wo ich das gegenüber Redakteuren an den Mann bringen kann, tue ich das.

@Klaus: Ich träume vor allem von einer konstruktiven Diskussion. Sie finden im Blogeintrag meine Argumente - ich in Ihrem Kommentar dagegen bisher keine.

Dennis Horn am 11.11.12 15:23

Dann habe ich Dich jetzt richtig verstanden und pflichte Dir bei.
Also nix für ungut. Es ist eure Profession, da halte ich mich zurück. Aber vielleicht ist durch die Interaktion einiges deutlicher und verständlicher geworden, zumindest für Nicht-Journalisten.
Grüße nach Dormagen, hier regnet's auch gerade ;-)

Crooklyn am 11.11.12 16:56

@Dennis: Ich habe die Diskussion mit den Medienschaffenden, die nur glauben, sie hätten "das Internet" verstanden, schon vor Jahren als zwecklos aufgegeben. Und ich hatte es auch schon Kollege Schieb erläutert, dass ich dies nicht aus Arroganz, sondern aus echter beruflicher Erfahrung heraus tat. Also bleibt mein Eintrag ein singulärer Kommentar, diskutieren kann man woanders besser als in solch einem "Blog" ohne echte technische Voraussetzungen.

Klaus Lohmann am 11.11.12 17:34

Ich habe nichts dagegen, Menschen, die weder die Zeit noch das Alter haben, Twitter & Konsorten zui verfolgen, die Materie etwas näher zu bringen. Gerne über ein so klassisches Medium wie den altmodischen Fernseher. Die Frage ist nämlich, ob sich bei aktiver Nutzung der hochgelobten neuen Online-Kommunikationsformen nicht schnell eine gewisse Ernüchterung einstellt? Gutes Beispiel - der Rekordsprung aus der Stratosphäre von Felix Baumgartner. Der gute Mann war in den Tweets schon 3 Tage vorher "on the move", da war der Start aber längst abgebrochen und verlegt. Wieviel Bandbreite wurde verschwendet, um dieselbe Falschinfo im Sekundentakt zu "re-tweeten" und unnötige "Feeds" zu erzeugen? Kein normaler Mensch, der nicht über zuviel ungenutzte Lebenszeit verfügt, wäre ernsthaft dabei, alleine schon, weil er über jeden News-Ticker eines TV-/Radio-Senders besser bedient wird. Bei soviel geistiger Dünnschiss-Überflutung, wie sie zB. durch Twitter jeden Tag weltweit erzeugt wird, braucht die Menschheit mitunter einen guten Redakteur oder Journalisten, der das Gehaltvolle vom Inhaltslosen trennt. Somit werden "Twitter-Tussis und iPad-Idioten" evtl. bald zu anerkannten Berufsbildern? Wie auch immer...-:)

domstaedter am 12.11.12 19:04

@Klaus: Ich halte das für einen recht pauschalen Vorwurf, den ich so auch nicht annehmen kann. Wir können darüber gern an anderer Stelle diskutieren, ja.

Dennis Horn am 13.11.12 9:09

Hier noch meine Replik auf Dennis' Post: https://plus.google.com/u/0/101647865456526978004/posts/VRdccXAUHfJ "...Das eigentliche Problem im Fernsehen sind nicht die Twitter-Tussis. Sondern bisweilen der Tonfall und die Tonlage, mit der über das Internet gesprochen wird. Wir dürfen nicht wie Ethnologen klingen, die den wilden Stamm der Netzgemeindler erklären...."

Frederic am 13.11.12 12:49

Ich kann die Aufregung um den Text auf Meedia als auch den Unmut über die unsägliche Inszenierung des Netzes im Fernsehen durchaus verstehen. Ja, es nervt. Es nervt gewaltig. Aber es gibt hier auch ein strukturelles Problem. Denn wir, wie wir hier alle im Netz munter schreiben und twittern und bloggen und was sonst noch alles, sind auch ein wenig entkoppelt von denen, die im Netz nur zum Zalando ihre Schuhe kaufen oder ihre Emails abrufen.

Man könnte es auch anders sehen: Ob bei den Grünen und ihrem #np12 oder beim #zdfcamp mit der Twitter-Wall, ich bin für jeden Versuch dankbar, der dazu beiträgt, noch mehr Menschen klarzumachen, dass das Netz eben sehr viel mehr ist, als Zalando und GMX. Dann soll das auch mal zum Schämen sein. So what? Und der über seine Krawatte twitternder Claus Kleber sagt mir: Hey, ich weiss, ich mach mich gerade voll zum Affen. Aber so geht das jedem am Anfang. Also versucht es doch auch mal.

Johannes Fischer am 13.11.12 21:50

Dennis hat recht. Das Netz bietet viel, was in eine normale Sendung integriert werden kann, als Quelle wie ein Korrespondenteninterview. Etwa in einem Brennpunkt. Dazu braucht es dann keine Twitter-Tusssi mehr, die fragt, was im Netz los ist und behandelt wird wie eine MAZ. Bislang vergisst die Regie eben, all die gefundenen Posts ins Vollbild zunnehmen und zeigt statttdessen stolz Twitter-Tussi-Rücken. Oder sie reagiert nicht auf Zurufe nach "breaking news aus dem Netz", weil das erst noch gelernt werden muss. Der Moment von Obamas Sieg war ein Telemark. Das Twitterfoto besiegte die klassische Zahlen- news vom Sieg in Ohio. Es war schneller. In der ARD musste ich mit dem iPad auf die Bühne rennen, um das zu verkünden. It should be normal!

the_core am 14.11.12 8:36

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