Mittwoch, 07.11.2012

Microsofts Surface-Tablet im Test

Apple, Google, Amazon und Microsoft haben den Tablet-Markt für sich entdeckt. In den letzten Wochen ist keine Woche vergangen, ohne dass ein neues Gerät vorgestellt oder angekündigt worden wäre. Von winzig klein und preisgünstig bis opulent und teuer war alles dabei. Auch im Mittelfeld. Zwischen 130 und 800 Euro kann man für ein Tablet ausgeben. Das aktuelle Gedrängel am Markt hat seinen Grund: Die Leute mögen diese superflachen Rechner einfach, die sich per Tippen und Wischen bedienen lassen und auch unterwegs Zugang zum Internet bieten.

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Bunte Kacheln statt Desktop-Icons: Die Benutzeroberfläche von Windows 8


Microsoft baut das Tablet selbst
Ein gleich in mancherlei Hinsicht ungewöhnliches Gerät ist das WWW: Surface-Tablet. Ein Stück Hardware, die Microsoft selbst baut. Nicht nur, um Apple und Google Konkurrenz zu machen (das natürlich auch), sondern eher, um anderen Herstellern zu zeigen, was geht, wie man vernünftige Hardware baut, dass Blog: Windows 8 auch auf Tablets eine gute Figur macht - und vor allem: dass man so etwas auch verkaufen kann.

Bislang sind nur sehr wenige Geräte vom Surface verfügbar. Die meisten, die darüber reden, haben nur Fotos und Videos gesehen. Erst für die nächsten Tage und Wochen werden große Stückzahlen vom Surface erwartet, auch im Handel. Ich konnte mir eins der ersten Geräte schnappen, zumindest für ein paar Tage, und es mal auf Herz und Nieren prüfen.

Ich kenne das Blog: iPad von Apple. Ich benutze auch das Nexus 7 von Google und habe mir einige andere Tablets angeschaut. Das Surface ist definitiv kein Me-too-Produkt, sondern ein Tablet mit eigener Note. Das Gerät wiegt 680 Gramm, was nicht wenig ist. Dafür ist alles sauber verarbeitet, wirkt sehr stabil und wertig. Das Display hat eine Auflösung von 1366x768 Pixeln und misst 10,6 Zoll in der Diagonale. Ein großes Tablet also, das ein gutes Bild liefert, egal ob man Videos anschaut, Fotos betrachtet oder Schriften liest.

Schlieren auf dem Display gehören zum Alltag
An Schlieren auf dem Display muss man sich gewöhnen, denn die lassen sich nicht vermeiden. Schließlich wird alles per Tippen und Wischen bedient. Windows 8 RT macht da einen guten Job. Ein Handbuch braucht man nicht, die Basics kapiert man sofort. Doch nicht alles erschließt sich von alleine. Wie richtet man eine neue Kachel ein, wie suche ich über Google statt über Bing, wo kann ich eine neue App installieren? Da muss man schon eine Weile suchen, auch als erfahrener Windows-Benutzer, denn alles ist anders als bisher. Die Umgewöhnung bedeutet auch Umstellung. Ein paar Tage kann das durchaus dauern.

Das Gerät selbst überzeugt: Klasse Verarbeitung, brillantes Display, stabil, reagiert auf jede Bewegung oder Aktion blitzschnell, man kann den Speicher bequem durch microSD-Karten erweitern: Die Ingenieure haben sich eine Menge einfallen lassen. Klasse auch die Idee, einen ausklappbaren Fuß einzubauen. Ruckzuck lässt sich eine Tastatur ans Tablet andocken, das dann zum Display wird. Magneten sorgen dafür, dass das ohne Fummelei klappt. Und schon kann man lostippen ... Das macht das Surface zu einem Zwitter, nämlich zu Tablet und Notebook in einem Gerät - und das ist gut.

Angebot an Apps noch vergleichsweise bescheiden
Doch es gibt auch Schattenseiten. Da Microsoft sich erst ziemlich spät überlegt hat, auf dem Tablet-Markt einzusteigen, gibt es noch nicht allzu viele Apps im App-Store. Klar, schließlich müssen jetzt erst mal Entwickler überzeugt werden, dass es sich lohnt, auch für die Windows-Welt zu entwickeln uns designen. So etwas dauert. In den App-Stores von Apple und Google gibt es buchstäblich mittlerweile hunderttausende von Apps (allein bei Google sind es über 700.000) - da muss Microsoft erst mal hinkommen. So vermisse ich beispielsweise die Google-Apps, die gibt es für Windows 8 einfach noch nicht.

Und "normale" Windows-Programme lassen sich auf dem Surface nicht benutzen, sondern ausschließlich Apps, die für den Tablet mit ARM-Prozessor entwickelt wurden. Später soll auch ein Surface mit Intel-Prozessor auf den Markt kommen, der kann dann auch "normale" Windows-Programme verstehen. Aber so weit sind wir noch nicht - und so lange sind Surface-Benutzer nunmal auf das noch bescheidene App-Angebot angewiesen.

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An das Surface kann schnell eine Tastatur angedockt werden


Preislich in der oberen Liga
Preislich spielt das Surface in der oberen Liga: Das Gerät mit 32 GB und Touchcover-Tastatur kostet 580 Euro, etwas günstiger als ein iPad 4 (ohne Cover). Man muss also schon bereit sein, einiges zu investieren. Neben Geld auch Geduld, denn die Umstellung dauert ein bisschen, egal ob man vorher mit Windows XP, Windows 7, Mac OS, iOS oder Android gearbeitet hat. Bei Windows 8 ist nicht alles, aber doch manches anders.

Dennoch: Mir macht es Spaß, das Surface zu benutzen. Zu Hause auf jeden Fall. Aufgrund seiner beachtlichen Größe nehme ich aber lieber ein anderes Tablet mit auf Reisen. Dafür schätze ich die Möglichkeit, jederzeit eine Tastatur andocken und bequem längere Texte eingeben zu können. Eine hervorragende Idee. Die Bedienung ist einfach, aber nicht kinderleicht. Manches muss man sich dann doch erst mal durch Trial-and-Error erarbeiten, was in der Werbung natürlich immer anders aussieht.

Respekt dafür, dass Microsoft nicht versucht hat, einen besseren iPad zu bauen, sondern ein ganz eigenes Gerät entwickelt hat. Mit Charakter. Kann man mögen oder nicht. Ein paar Kinderkrankheiten gibt es noch. Künftige Surface-Tablets könnten also reifer wirken. Aber alles in allem: Ein guter Start.

Ein paar Ergänzungen: Die Displaygröße bei der gegebenen Auflösung ergibt 148 DPI, das ist noch weniger als beim gerade vorgestellten iPad Mini, bei dem das schon vielfach kritisiert wurde. Für den Preis wirkt das etwas vorgestrig. Und so richtig schnell ist das Ding auch nicht, da wartet man schon teilweise auffällig lange, bis eine App offen ist.

Und das mit Metro und Wischen etc. relativiert sich sehr schnell, wenn man merkt, dass man für MS Office, den Dateimanager und die Systemeinstellungen wieder in ein ganz normales Desktop-Windows geworfen wird, wo die Touch-Bedienung nicht mehr so richtig ideal ist.

Ich halte das Ding für einen Lückenbüßer, bis Intel soweit ist, dass MS wieder voll auf Windows 8 auf relativ "normaler" PC-Hardware setzen kann. Hier für diesen Preis und fast ohne Apps einzusteigen, sollte man sich gut überlegen. Der Zug könnte wieder stehenbleiben, bevor er richtig in Fahrt gekommen ist.

joh am 7.11.12 15:12

Scheinbar bin ich in meiner Entwicklung zurück geblieben, ich mag mich nicht mit dem von MS "aufgezwungenen" neuen WIN 8 anfreunden und noch weniger mit einem Tablet PC als Home PC Benutzer. Stutzig muss schon der auffällig günstige Preis für das Upgrade machen. Sonst waren neue Betriebssysteme bei MS nie günstig. Vorläufig bis Ende Januar 2013. Nun Herr Schieb, Sie werden uns auch weiterhin auf dem laufenden halten. Auch auf die Gefahr hin das wir PC User in Zukunft "Bildschirmgrabscher" werden.

MG am 7.11.12 20:17

@joh: Der Kritikpunkt mit der Oberfläche stimmt definitiv. Ich habe heute versucht, die MAC-Adresse des Geräts rauszufinden, um es im Netzwerk freizugeben - ein spannendes Unterfangen, muss ich sagen. Der Bruch von der (Ex-Metro)-UI in die traditionelle UI, um die Systemeinstellung zu nutzen, ist schon merkwürdig.

Jörg Schieb am 8.11.12 12:55

Eine wichtige Frage bleibt noch weitgehend unbeantwortet: wo liegen die Daten der User? Per Default alle in der Cloud? Also auf irgendeinem US-Server? Soweit ich das bisher verstanden habe ist das so, mindestens für die neuen Apps. Ein ziemliches Killer-Argument. Möchte man wirklich MS alle seine Mail und auch alle anderen App-Daten anvertrauen? So bequem es auch sein mag beim Einschalten jedes Gerätes alle Daten mitzunehmen, das geht mir entschieden zu weit.

Thomas Nagel am 12.11.12 20:08

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