Sonntag, 11.11.2012

Replik auf "Twitter-Tussis und iPad-Idioten"

Also gut, dann will ich mich hier mal als Medien-Fossil outen: ich finde Blog: Twitter-Vorleser und Erklärer völlig ok und ganz besonders übrigens Jeannine Michaelsen. Man sollte ihr weder Müller-Hohenstein noch Kahn vorwerfen. Denn diese kleine Posse am Ostseestrand hat Twitter einem Millionenpublikum gezeigt, sicher noch nicht unbedingt "nahe gebracht" oder gar den Reiz vermittelt. Das gelingt in einer Wahlnacht oder beim "Vorlesen" der Kurztexte aus dem Auge des Hurricanes Sandy schon eher. Das Realsatire zu nennen finde ich nicht angebracht, klingt mir zu elitär.

Wegen guter Erklärer (in welchem Medium auch immer) werden die Eliten irgendwann von der breiten Masse eingeholt und müssen nach dem "next big thing" suchen. Das wirkt zunächst unbequem, ist aber genau genommen der eigentliche Broterwerb der Medien-Eliten: immer schon ein Stück weiter sein und davon dann ein großes Geschrei machen.

Das Neue im Alten erklären - ein ganz normaler Vorgang

Das Neue im Alten erklären - ich finde, das ist ein ganz normaler Vorgang: Zeitungen haben das Radio erklärt, später das Fernsehen. Radio und Fernsehen und Zeitungen haben das Internet beschrieben und erklärt - und nun tun sie das mit sozialen Medien. Warum denn nicht? Im Radio, besonders aber im Fernsehen gehört Personalisierung zum medientypischen Handwerk. Ein kleines bisschen ist das doch auch in diesem Blog so: der Kritiker der Twitter-Vorleser ist doch hier netto als eine Art "schreibender Vorleser" aus den sozialen Medien tätig. Warum twittert (re-tweetet) er denn nicht einfach nur die interessanten tweets? Dieser Medienbruch dient demselben Grund wie bei den kritisierten Fernsehleuten: "ich habe was Interessantes gefunden, ich kann es einordnen oder analysieren und ich will das Ergebnis möglichst vielen zeigen." Das ist es, was Journalisten eben tun.

Dann geht es nur noch darum, ob tweets und postings mit Sinn und Verstand ausgewählt und klug eingeordnet werden. Das kann man durchaus in verschiedenen Sendungen sehr unterschiedliche erleben. Und auch hier gilt natürlich, dass das in Live-Situationen sehr schwierig ist. Man muss das üben, so wie andere handwerkliche Aspekte auch. Wirklich ärgerlich finde ich es nur, wenn es im Fernsehen bei Zitaten aus den sozialen Medien oder aus "dem Internet" nur darum geht, irgendwie modern zu sein. Das ist dann tatsächlich genau so albern, wie das aufklärend kritische Fernseh-Urteil über das Internet als gefährliche und zeitfressende "virtuelle Welt" - ganz so, als sei das Fernsehen die reale Welt.

Wenn man's genau betrachtet, habt ihr da keinen großen Konflikt. Dennis geht's doch weniger um das Twitter vorlesen an sich als um den Programmpunkt "und jetzt schauen wir mal in dieses Internet und gucken, was die Nerds da so Groteskes treiben". Es ist doch klar: Wenn man im TV mit Tweets oder sonstigen schriftlichen Wortmeldungen arbeiten, auf sie reagieren will, führt am Vorlesen kein Weg vorbei, einblenden reicht nicht. Die Frage ist eigentlich: Macht man das cool, natürlich, bruchlos, oder macht man da eine Freakshow draus? Führt man einen Dialog mit dem Publikum, bei dem Twitter nur das Instrument ist, oder redet man mehr über das Instrument als über den Inhalt? Wobei sich da allerdings tiefe Zielgruppen-Gräben auftun. Fernsehen für Offliner KANN Twitter nicht einfach so integrieren, weil sie es nicht verstehen würden. Und Fernsehen für Onliner MUSS das tun, will es sich nicht lächerlich machen. Welche Kanäle mit welchen Stammpublika habt ihr nochmal im Sinn? ;-)

Tilo am 11.11.12 22:56

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