Montag, 22.10.2012
Google-Tool vergleicht "Jesus" mit "Hitler"
[Vorweg eine kleine Entschuldigung für diese reißerische, inhaltlich dennoch völlig korrekte Überschrift - Aber wer hätte denn geklickt, wenn dieser Blog-Eintrag mit "Linguistik-Tool analysiert Worthäufigkeit im Lauf der Jahrhunderte" betitelt worden wäre?]
Was ist denn tatsächlich das Verbindende zwischen Wörtern wie "Hitler" und "Jesus"? Beides sind Beispiele dafür, wie unterschiedlich häufig Wörter im Laufe der Zeit genutzt werden und sie zeigen, dass sich unsere Sprache fortlaufend verändert bzw. an ihre jeweilige Zeit anpasst. So ist das Modewort der 1980er, "Relaxen", mittlerweile vom "Chillen" abgelöst worden. Umgekehrt schreibt heutzutage kaum noch jemand vom "Telephonapparat", sondern vom Telefon, Handy oder Smartphone.
Genau hier setzt das bereits 2010 gestartete Google-Projekt "Ngram" an: Es analysiert anhand
von über 20 Millionen eingescannten Büchern, wie häufig jedes x-beliebige Wort in den vergangenen 200 Jahren benutzt wurde.
Was auf den ersten Blick so trocken klingt, als sei es nur für Sprachwissenschaftler von Interesse, ist auch für Linguistik-Laien unterhaltsam. Und seitdem der Ngram-Viewer in der vergangenen Woche ein Update erhielt, ist der Quellenpool und die Analyse noch umfangreicher geworden. Ein Beispiel:
Der Ngram-Viewer visualisiert, wie sich die Nutzungs-Häufigkeit folgender Wörter seit Erfindung des Telefons verändert hat:
"Telephon, Fernsprechapparat, Fernsprecher, Telefon, Mobiltelefon, Handy, Smartphone"
Der Ngram-Viewer beschränkt sich dabei natürlich nicht nur auf Bücher in deutscher Sprache: In der Datenbanken stehen zig Millionen Bücher aus sieben verschiedenen Sprachen zur Verfügung. Durch zusätzliche Parameter
im Advanced-Modus lässt sich die Suche noch weiter eingrenzen oder auf komplexere Vergleiche anwenden, z.B. wie häufig ein und dasselbe Wort in unterschiedlichen Sprachen benutzt wurde. Leider gibt Google bei seinen Ergebnissen weder die absolute Zahl der gefundenen Wörter an (sondern nur ihren jeweiligen prozentualen Anteil), noch wie viele Bücher insgesamt durchsucht wurden.
Doch genug der Theorie, hier folgen einige Praxisbeispiele. Wer andere interessante Wort-Analysen kennt, kann sie gerne in den Kommentaren nennen.
Als das "Telefon" dem "Telephon" den Rang ablief- Die Entwicklung der Atombombe, der Kalte Krieg, die Nachrüstungsdebatte der 1980er und die Abrüstung nach dem Fall der Mauer lässt sich an der Verwendung eines einzelnen Wortes nachvollziehen:
"Atomkrieg" - 1996 wurde es zum "Unwort des Jahres" gekürt, doch seine Verwendung nahm dennoch unaufhaltsam zu:
"Outsourcing" - Eineinhalb Jahrhunderte lang dominierten die Begriffe "Glück" und "Freude" gegenüber "Angst", doch dann, fanden
die Telepolis-Kollegen heraus,
wandelte sich das Bild - Angeblich wurde "alternativlos" ungefähr 2009 zum Modewort, weil Angela Merkel und ihre Kabinettskollegen es so häufig in den Mund nahmen. Doch der Ngram-Viewer
zeigt: Offenbar gehen uns bereits seit den 1970er Jahren die Alternativen aus. - Hat es sich mit dem Modewort "chillen" womöglich
ausgechillt?
Jahrzehntelang musste sich "Jesus" "Hitler" geschlagen geben, doch das könnte sich bald ändern.
Am Schluss noch ein Linktipp für alle, die sich für Veränderungen der englischen Sprache interessieren:
Die amerikanische Zeitschrift "The Atlantic" sammelte bei ihren Usern bereits 2010 Wort-Beispiele für teils überraschende Veränderungen.
Eine ganz schwache Ausrede für einen geschmacklosen Titel!
Versuchen Sie es doch mal mit Sex und Tod. Das hätte sicher auch den gewünschten Effekt erzielt. Auch Krieg und Frieden wäre eine Option gewesen. Über Geschmack kann man bekanntlich nicht streiten, über mangelnden Einfallsreichtum hingegen schon.
Simplicissimus am 22.10.12 18:59
Hallo Simplicissimus, du hast meine in kursiv gesetzte Vorerklärung ein wenig zu ernst genommen. Ich stehe dazu, mit einer zugespitzten Überschrift auf ein Thema neugierig zu machen. Ich ahnte aber bereits, dass es auch vereinzelt Leser geben wird, die sich nur deshalb aufregen, weil die Wörter "Jesus" und "Hitler" in einem Satz genannt werden.
Davon abgesehen bin ich deinem Rat gefolgt: Sowohl der Vergleich "Sex" vs. "Tod" (http://goo.gl/M4dt0) als auch der zwischen "Krieg" und "Frieden" (http://goo.gl/q3E4Z) sind sehr interessant. Bei letzterem vor allem der starke Anstieg zur Zeit des 1. Weltkriegs im Vergleich mit dem deutlich schwächeren zur Zeit und nach Ende des 2. Weltkriegs (und auch die leichte "Delle" zur Zeit des Natodoppelbeschluss' in den 1980er Jahren. Der Worthäufigkeitsvergleichs "Hitler"/"Jesus" hat übrigens weder etwas mit Geschmack noch mit Einfallsreichtum zu tun. Hier steht im Vordergrund, dass die Verwendung des Wortes "Hitlers" in gedruckten Büchern seit Jahrzehnten signifikant abnimmt, während das Wort "Jesus" wieder leicht im Aufwind ist und zumindest den höchsten Wert seit Mitte der 1940er Jahre erreicht hat.
Inspiriert zu diesem Vergleich wurde ich übrigens von der amerikanischen Literaturzeitschrift "The atlantic", die denselben Vergleich auf der Grundlage englischsprachiger Veröffentlichungen gezogen hat, allerdings mit ganz anderem Ergebnis: http://goo.gl/2NomU
Stefan am 22.10.12 19:25
Das Butterbrot kommt auch wieder:
Marion am 22.10.12 19:50
Hallo Marion, für die Verwendung von "Butterbrot" in englischsprachigen Büchern mag das zutreffen, doch in der deutschsprachigen Literatur sind die Schnittchen weiter auf dem Rückzug: http://books.google.com/ngrams/graph?content=Butterbrot&year_start=1800&year_end=2008&corpus=20&smoothing=3&share=
Stefan am 22.10.12 20:18
Gut, belassen wir es dabei, wenngleich ich nach wie vor der Überzeugung bin, dass das Begriffspaar "Sex" vs. "Tod" mindestens ebenso öffentlichkeitswirksam gewesen wäre. Nichtsdestotrotz vielen Dank für den Hinweis auf das interessante Tool.
Simplicissimus am 22.10.12 20:24
Kommentieren
Trackbacks zum Eintrag Google-Tool vergleicht "Jesus" mit "Hitler"
Trackback-URL zu diesem Eintrag:
http://www.wdrblog.de/cgi-bin/mt-tb.cgi/3047
Über das Blog
Digitalistan: Heimatkundliches aus dem Land der Einsen und Nullen
Suche im Blog
Aktuelle Einträge
|
Tablet statt Speisekarte: das digitale Restaurant
[mehr]
|
|
|
Doppelte Sicherheit - die neuen Twitter-TANs kommen
[mehr]
|
|
|
Facebook will Hashtags einführen
[mehr]
|
|
|
Xbox One: Die Konsole, die die Konsolen begräbt
[mehr]
|
|
|
flickr reloaded mit 1 TB
[mehr]
|