Donnerstag, 18.10.2012

Wie ein Meme entsteht

Jeder kennt sie, aber wer in Deutschland nicht netzaffin ist, kann mit dem englischen Begriff "Memes" kaum etwas anfangen. Bei Wikipedia gibt es lediglich Einträge zu "Mem" ("etwas Nachgemachtes") und zu WWW: "Internet-Phänomen". Letzterer kann weiterhelfen. Memes sind demnach User-Content - Bild-, Ton-, Videodateien oder Animationen - die sich an einem konkreten Konzept und Thema orientieren und sich in kurzer Zeit wellenartig über das Internet verbreiten. Waren diese Hypes zu Anfang des Web 2.0 eher bezogen auf Ereignisse oder Motive, die im Netz entstanden waren, sind sie mittlerweile zunehmend humorvoll-spöttische Reaktionen auf Events, die von vielen online beobachtet werden. Am digitalen Lagerfeuer sozusagen.

So lehrt die jüngste Erfahrung: Der US-Wahlkampf ist ein echter Motor für Memes. Ob Nominierungsparteitag der Republikaner oder die ersten beiden der insgesamt drei TV-Duelle zwischen Präsident Barack Obama und Herausforderer Mitt Romney - sie bieten reichlich Stoff für kreative Zuschauer. Noch während der Live-Übertragung in Fernsehen und Netz reagierten meist US-amerikanische User auf Politikerworte. Aus Tweets zu schnell verbreiteten, neu geprägten Hashtags, Fotomontagen oder animierten Gif-Dateien entwickelte sich so in kürzester Zeit ein neues Internet-Phänomen. Schnell entstanden dabei auch themenbezogene Twitterkanäle oder Facebookseiten.

Was den US-Wahlkampf angeht: Derzeit steht es etwa 3:0 für die Republikaner. Mitt Romney persönlich lieferte gleich zweimal die Steilvorlagen für Memes. Während des TV-Duells vom Dienstagabend (16.10.2012) gefragt zu den bestehenden Gehaltsunterschieden zwischen Männern und Frauen, antwortet der republikanische Hoffnungsträger ungeschickt.

Als neu gewählter Gouverneur von Massachusetts habe er sich nach potenziellen weiblichen Bewerbern für sein Kabinett erkundigt und schließlich bei Frauengruppen nach qualifizierten Kandidatinnen gefragt. "Binders full of women" ("Ordner voller Frauen") habe man ihm daraufhin gebracht, so Romney. Das ging daneben und das WWW: Hashtag #bindersfullofwomen war geboren. Unzähligen Tweets folgten schnell diverse WWW: Tumblr-Blogs zum Thema, in denen WWW: Highlights der User-Schöpfungen zu sehen sind.

Als Mitt Romney im vorangegangenen Duell am 3. Oktober angekündigt hatte, dem nichtkommerziellen Sesamstraßen-Haussender PBS die Subventionen kürzen zu wollen, reagierten tausende Twitterer und digitale Bastler. Im Mittelpunkt: Big Bird, das Romney-Opfer. Blog: Wir berichteten. Zum Nomininierungsparteitag der Republikaner Ende August war es der skurril anmutende Gastrauftritt von Clint Eastwood, sein imaginärer Dialog mit einem nicht anwesenden Präsidenten Obama, repräsentiert durch einen leeren Stuhl: Aus dem WWW: Hashtag #Eastwooding wurde schnell ein Label für eine Flut von Fotos, Fotomontagen, wiederentdeckten oder neuen Cartoons und Szenen: Prominente wie Privatleute, Kinder oder Tiere in mutmaßlich angeregter Auseinandersetzung mit leeren Sitzmöbeln.

Bildschirmfoto 2012-10-17 um 22.56.24.png Nicht nur politische, auch sportliche Lagerfeuer-Events bilden ein geeignetes Umfeld für Szenen, die potenziell zu Memes werden könnten. Dabei ist es oft die archaische Pose, deren Bildgewalt aufgebrochen und uminterpretiert wird - etwa, wenn ein WWW: Extremsportler aus 39 Kilometern Höhe den Stratosphärensprung wagt, bietet das geeignete Reibungspunkte. Und schon sind sie da, die WWW: Antworten aus dem Netz.
Oder die irritierende Momentaufnahme aus dem Fußball-EM-Halbfinale Deutschland-Italien im Juli 2012: Torschütze Mario Balotelli entledigt sich seines Trikots und verharrt WWW: recht unfußballerisch sekundenlang in grimmiger Jubelpose - bald im Netz unzählbar oft geremixt. (Dabei bleiben rassistische Kommentare zu dem afrikanischstämmigen, in Palermo geborenen Fußballstar nicht aus.) Unvergessen ist der Kopfstoß gegen Marco Materazzi, den Fußballgott Zinedine Zidane im Endspiel der Fußball-WM 2006 vollführte - ebenso wie dessen WWW: Adaptionen im Netz.

Und auch Apples iPhone5 gab Anlass zu einigem digitalen Schabernack. Das lang erwartete Redesign - ist es bloß eine Verflachung und Verlängerung des Vorgängermodells 4S? Der WWW: Spott ließ nicht lang auf sich warten.

Fazit: Die aktuell häufigste Form des Internet-Mems entsteht also in einer von vielen geteilten Beobachtungssituation und betrifft eine aktuelle, gesprächswertige Nachricht oder ein Event. Die Meme-Vorlage, das Zitat, muss sich aus dem Kontext abheben, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Twitter macht es durch seine leichte Bedienbarkeit dann möglich, Kommentierungen in Text und Anhang zeitnah abzusetzen. So entsteht die notwendige Gruppendynamik.

nyancat.jpg Meme-Klassiker sind längst WWW: Nyan Cat (2011), die Rage Comics (2008) und natürlich das WWW: Star Wars Kid (2003). Während das Star Wars Kid schon früh Mainstream-Bekanntheit erreichte, sind Nyan Cat und und Rage Comics vor allem bei langjährig netzaffinen Usern bekannt und beliebt.

Eine Übersicht und viel Stoff zum Stöbern geben die Meme-Datenbanken WWW: knowyourmeme.com oder WWW: Memebase.

Schade: Wo bleiben die originellen Memes der Merkel'schen Republik? Das letzte hier groß diskutierte inländisches Internet-Phänomen: WWW: der Shitstorm. Jetzt sage bloß keiner, der Deutsche meckere eben gern. Aber woran liegt es dann: Sitzen einfach zu viele Trolle am Lagerfeuer während andere schon vor dem Fernseher eingeschlafen sind?

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