Samstag, 15.09.2012
LTE könnte so schön sein...
Ich gebe es offen und ehrlich zu: Auch ich lasse mich mitunter von technischen Beschreibungen beeindrucken. Zum Beispiel vom atemberaubenden Tempo, das der neue Mobilfunkstandard LTE (Long Term Evolution) bringen soll. Da gerate ich schon mal ins Schwärmen. Man stelle sich das mal vor: Bis zu 100 MBit/Sekunde sind bei LTE drin. Ein Mehrfaches dessen, was die meisten von uns zu Hause haben, wenn sie online gehen.
Tempo ist grundsätzlich etwas Schönes, wenn man online geht. Niemand wartet gerne, dass sich eine Webseite aufbaut oder ein Song geladen wird. Darum ist es ja grundsätzlich zu begrüßen, wenn mobile Daten schneller werden. Dazu brauchen wir a) Provider, die mehr Tempo anbieten und b) Hardware, also Handys, die das auch draufhaben. Beides entwickelt sich allmählich. Das neue iPhone 5 wirbt ausdrücklich mit dem Versprechen, weltweit den UMTS-Nachfolger LTE zu unterstützen. Zwar nicht als erstes Smartphone, aber zum ersten Mal im iPhone.
Tückisch: Apple verspricht LTE-Tempo fürs neue iPhone 5
Verschiedene Frequenzbänder
Alle bejubeln das neue Feature. Aber warum eigentlich? Streng genommen besteht nämlich gar kein Anlass. Der erste Grund: Das iPhone 5 kommt bei uns in Deutschland nur mit dem LTE-Netz der Telekom klar, denn nur die Telekom nutzt die Frequenz 1800 MHz. Vodafone und O2 funken auf anderen Frequenzbändern, die das iPhone 5 nicht unterstützt. Das wird sich so schnell auch nicht ändern. Der Witz schlechthin: Wenn man als deutscher iPhone-Benutzer nach USA reist, kann man LTE trotzdem nicht benutzen. Diese Option ist in den für Europa und Asien gebauten Geräten ausdrücklich nicht feigeschaltet.
Weiteres Problem: LTE ist bei uns in Deutschland nicht gerade flächendeckend verfügbar. Im Gegenteil: Bislang bietet die Telekom LTE in 61 Städten, wie in
dieser Karte zu sehen. Bis Ende des Jahres sollen es 100 Städte sein. Man muss sich also schon in einer Großstadt oder einem Ballungsgebiet aufhalten, um überhaupt in den Genuss von LTE zu kommen. Im ländlichen Raum gibt es zwar auch LTE, aber auf der "falschen" Frequenz 800 MHz, die vom iPhone nicht unterstützt wird. Bei anderen Providern sieht es mit der Abdeckung auch nicht besser aus. Bedeutet: Es gibt zwar LTE, aber man kann es mit dem iPhone 5 praktisch nicht nutzen.
LTE ist derzeit nur in Ballungsgebieten verfügbar
LTE ist ganz schön kostspielig
Dann ist es auch recht kostspielig, LTE zu nutzen. Die Telekom zum Beispiel verlangt je nach Tarif (zwischen 30 und 90 Euro im Monat) noch mal rund 10 Euro Aufschlag, wenn man LTE einsetzen will - "Speed Option" nennt das die Telekom. Sonst ist das Tempo auf 21,6 MBit/Sekunde beschränkt. Wer die Speed-Option bezahlt und dann tatsächlich mal mit 100 MBit/Sekunde surft, schaut nach Sage und Schreibe 24 Sekunden schon wieder in die Röhre. Warum? Weil der kleinste Tarif nur 300 MByte in LTE-Tempo enthält. Und 300 MByte brauchen bei LTE-Tempo lediglich 24 Sekunden... Selbst die teuerste Option sieht lediglich 2 GByte Inklusivvolumen vor. Das sind keine drei Minuten im LTE-Tempo. Also ein schlechter Witz.
Last not least muss man sich natürlich auch mal fragen, ob man unterwegs, auf einem Smartphone, überhaupt derart hohe Datendurchsatzraten braucht. Die meisten Web-Server bieten sowieso keine 100 MBit/Sekunde. Positiv bemerkbar würde sich diese Bandbreite etwa dann machen, wenn man Fotostreams lädt oder ein Musikalbum kauft, das man gleich hören will - oder einen Film runterlädt. Aber normalerweise kommt man mit deutlich weniger aus und surft trotzdem angenehm und schnell.
In der Praxis ohnehin weniger Tempo
Man muss in der Praxis auch mit weniger auskommen. Denn alle Mobilfunk-Provider haben mittlerweile so ihre liebe Not, selbst die bei HSPA, HSPA+ und DC-HSDPA versprochenen Datenraten tatsächlich auch anzubieten. Es sind eben zu viele Menschen mit ihren Mobilgeräten online, da wird es mitunter eng. Die Folge: Der Datendurchsatz verringert sich. Abgesehen davon deckeln viele Provider den Datendurchssatz mittlerweile. Die hohen Geschwindigkeiten sind nur in den teuren Tarifen zu haben - ehrlich gesagt ist das sogar verständlich. Aber man muss es wissen, denn weder die Handyhersteller, noch die Mobilfunkprovider sagen das laut.
Mein Fazit: LTE ist natürlich eine feine Sache. Wenn es funktioniert - und bezahlbar bleibt. Aber danach sieht es derzeit nicht aus. Es ist ohnehin problematisch, dass die Mobilfunkprovider zwar mit Onlinevergnügen rund um die Uhr werben, aber die Bandbreiten beschränken und auch das Datenvolumen einschränken. In fast allen Tarifen wird das Tempo nach einem gewissen Volumen auf ein Minimum gedrosselt. Unterwegs mal einen Film laden, das ist praktisch unmöglich. Auch Musik-Streaming zu nutzen, ist durchaus schwierig. Die Mobilfunkprovider müssen umdenken.
Auf dem Land ist LTE derzeit die einzige Alternative zu DSL - und die einzige Hoffnung, schnell ans Internet angebunden zu werden. Hier in der Regel mit 800 MHz (größere Reichweite, geringere Bandbreite) und zu anderen Tarifen.
Wie lange hatte es nochmal von der Ankündigung von UMTS bis zu einer für die Betreiber wirtschaftlich vertretbaren Masse von vernünftigen UMTS-Handys gedauert???
Nur mal so gefragt, weil mich beim Artikellesen grade ein DejaVu überkam...
Klaus Lohmann am 15.09.12 13:46
Sehr informativer, hilfreicher Beitrag! Hatte schon mit dem Gedanken gespielt mir das neueste I -Phone zu kaufen. Doch jetzt lasse ich die Finger davon, das ist wirklich rausgeworfenes Geld. Zumal die neuen Stecker nicht mehr kompatibel sind und nur mit teuren Adaptern laufen, welche man auch noch extra kaufen muss; eine Riesen -Abzocke von Apple.
Danke Jörg!
Wolfgang am 15.09.12 18:59
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