Mittwoch, 05.09.2012

Richten Roboter über das Urheberrecht?

Was haben die Nasa, eine renommierte Science Fiction-Preisverleihung und der amerikanische Präsident gemeinsam? Sie alle wurden in den vergangenen Tagen Opfer von offenbar unausgereiften Automatismen, die im Netz zur Durchsetzung von Urheberrechtsansprüchen genutzt werden. Während sich hierzulande die Debatte um eine Modernisierung des Urheberrechts im Kreis zu drehen scheint, werden jenseits des Atlantiks mehr und mehr unangenehme Fakten geschaffen.

Nasa soll mit Mars-Bildern Urheberrechte verletzt haben
Erst erwischte es die Nasa, deren Mars-Landungsvideo urplötzlich auf Youtube gesperrt worden war - WWW: offenbar, weil eine private Nachrichtenagentur Urheberrechtsansprüche geltend gemacht hatte. Youtube sperrt in solch einem Fall inzwischen überwiegend unverzüglich. Entsperrt wird meist erst dann, wenn der Beschuldigte den Nachweis erbracht hat, dass er sehr wohl über die erforderlichen Rechte verfügt. Eine aus meiner Sicht fatale Umkehr der Beweislast. Man stelle sich vor, im realen Leben müssten Beschuldigte ihre Unschuld beweisen.

Screenshot des gesperrten Nasa-Videos; Bildrechte: WDR/Domke/Youtube Screenshot des gesperrten Nasa-Videos


Software-Überwachung außer oder ohne Kontrolle?
Nur wenige Tage später, am vergangenen Wochenende, erwischte es dann erstmals ein prominentes Live-Video-Angebot: Die Preisverleihung des renommierten Hugo-Awards . Sie sollte für all diejenigen vor Ort, die im Saal keinen Platz gefunden hatten, sowie für Science Fiction-Fans in aller Welt gestreamt werden. WWW: Das geschah auch, allerdings nur bis zu dem Moment, als der Brite Neil Gailmann für seine Mitarbeit an der Fernsehserie "Doctor Who" ausgezeichnet werden sollte. "Banned due to copyright infringement" (Gesperrt wegen Verstoß gegen das Urheberrecht) war plötzlich anstelle des Streams zu lesen, kurz nachdem im Rahmen der Preisübergabe kurze Ausschnitte der TV-Serie zu sehen waren.

Im Zweifel für den Kläger?
Auslöser für den abrupten Abbruch - soviel ist inzwischen klar - war wohl eine Software namens Vobile, die bei der Streamingplattform Ustream zur Bekämpfung von Urheberrechtsverletzungen zum Einsatz kommt. Sie gleicht live gesendete Bildinhalte mit einer Datenbank ab und prüft, ob diese tatsächlich zur Ausstrahlung freigegeben sind. Ob für den Abbruch der Hugo-Award-Übertragung am Ende tatsächlich ganz allein ein Automatismus - Kritiker sprechen von einem Urheberrechtsroboter - verantwortlich war, oder ob auch ein Mitarbeiter eine falsche Entscheidung traf - WWW: darüber sind sich die Beteiligten bislang nicht einig. Fakt ist: Ebenso wie bei der NASA wurde auch hier "im Zweifel gegen den Verdächtigen" entschieden. Denn hätte sich jemand vor dem Sperren des Streams mit den Verantwortlichen in Verbindung gesetzt, wäre schnell klar gewesen: Alle erforderlichen Rechte, inklusive der Ausstrahlung von Serien-Ausschnitten, lagen vor.

Auch Obama ein Opfer der Urheberrechts-Automatismen
Der dritte und aktuellste Fall gleicht dem Ersten. Eine mehrstündige Zusammenfassung des Parteitags der Demokraten wurde am Dienstagabend nach kurzer Zeit auf Youtube geblockt. Auch hier wurde stattdessen ein Hinweis auf angebliche Urheberrechtsverletzungen eingeblendet, verbunden mit einer langen Liste angeblicher Rechteinhaber. WWW: Der Internetnachrichtendienst heise.de nennt gleich mehrere Möglichkeiten, die zu einer Sperrung dieses Videos geführt haben könnten. Doch egal, was der Grund gewesen ist: Das Grundproblem trifft auch auf diesen Fall zu: Eine Sperrung erfolgt im Zweifelsfall schnell, automatisiert und im schlimmsten Fall sogar ohne dass es von einem Menschen geprüft wurde. Eine Entsperrung hingegen ist kompliziert und meist nur manuell möglich. Vor allem aber hat sie kaum Aussicht auf schnellen Erfolg.

Der amerikanische Präsident Barack Obama; Bildrechte: WDR/dpa Prominentes Opfer im Urheberrechtskampf der Maschinen

Das Problem ist nicht neu - aber es Bedarf endlich einer Lösung
WWW: Sogenannte Copyright-Filter sind an sich ja nichts Neues - der ein oder andere wird beispielsweise beim Hochladen von privaten Videos selbst die Erfahrung gemacht haben, wie schnell Youtube mit Hilfe von Computer-Algorithmen "fremde" Musik in einem privaten Video identifizieren kann. Auch ich habe es erlebt, dass ein von mir erstelltes, nicht öffentlich einsehbares Video, untermalt mit einem extra dafür legal gekauften Song, innerhalb weniger Minuten gesperrt wurde.

Doch weil die aktuellen Beispiele prominente Inhalte betreffen und außerdem zeigen, wie willkürlich die verwendeten System zuschlagen, sorgen sie unfreiwillig vielleicht für eine Beschleunigung der Debatte um ein modernes Urheberrecht. WWW: Wie dringend eine Lösung des Problems nötig ist, macht Patrick Beuth deutlich, der in in seinem lesenswerten Artikel auf Zeit Online zum selben Thema WWW: eine amerikanische Journalistin zitiert. Sie schreibt (von ihm übersetzt): "Falls noch irgendjemand glaubt, Urheberrechtsgesetze könnten die freie Meinungsäußerung nicht stoppen, den wird die automatisierte Zensur der Hugo Awards eines Besseren belehren. Roboter haben eine legitime Übertragung gekillt. Willkommen in der Gegenwart."

Sorgt Apple in Zukunft für fernsteuerbaren Urheberschutz?
Doch damit nicht genug: Offenbar ist Apple beim Thema "automatischer Urheberrechtsschutz" bereits einen Schritt weiter ist: WWW: Vergangenen Dienstag wurde ein Apple-Patent publik, mit dem es möglich wäre, die (Video-)Kamera eines Iphones geodaten-basiert und ferngesteuert zu deaktivieren. In der Praxis könnte das dann "nur" der Bereich eines Kinosaals sein, um illegale Filmmitschnitte zu unterbinden. Ebenso denkbar und technisch möglich wäre aber ein Einsatz entlang der Strecke eines Demonstrationszuges in Moskau oder in der gesamten Innenstadt von Damaskus. Willkommen in der Zukunft!

Versteh ich nicht. Das Problem ist hier doch überhaupt nicht das Urheberrecht, sondern nur die seltsame Software, die Youtube/Google einsetzt. Dabei liegt die Lösung doch auf der Hand: Man nehme einfach einen anderen Anbieter für seine Web-Übertragung oder organsiere diese selbst - und das "Problem" ist gelöst.

Julian am 5.09.12 20:13

Hallo Julian, ganz so einfach ist es leider nicht. Wie die Beispiel zeigen, nutzt auch Youtube einen Automatismus. Außerdem folgt Youtube aber einem Prinzip, welches demjenigen, der einen vermeintlichen Urheberrechts-Verstoß meldet, unter Umständen größere Rechte einräumt als demjenigen, der das Material hochgeladen hat. Und gegen diese meiner Ansicht nach falsche Herangehensweise seitens Youtube hilft ein Anbieter-Wechsel nur bedingt. Denn es gibt keine vergleichbare Konkurrenz.

Stefan Domke am 5.09.12 20:29

Ich meinte ja auch weg von Youtube. Man kann Videos ja auch selber/anders ins Netz stellen, macht der WDR ja schließlich auch so. Welche (weitreichenden) Rechte Youtube irgendwelchen Rechte-Verstoß-Melder einräumt, ist völlig egal, wenn das Video gar nicht bei Youtube veröffentlicht wird. Problem (in den genannten Fällen) gelöst :-)

Julian am 5.09.12 21:14

Das Verhalten der Anbieter wie Youtube ist nur konsequent. So lange auch der Anbieter bestraft werden kann, wenn auf seiner Plattform Urheberrechtsverletzungen begangen werden, muss er - schon im eigenen Interesse - die angezeigten Verdachtsfälle sofort sperren. Nur so kann er eine Haftung vermeiden. Das hat aber - wie im Beitrag festgestellt - das Beweislastprinzip auf den Kopf gestellt. Ergo muss zunächst die Haftung des Anbieters reformiert werden, bevor man solche automatischen Sperren weglassen kann. Mir schwebt da ein Verfahren vor, bei dem der vermeintliche Urheberrechtsinhaber an den Anbieter herantreten und sein Recht belegen muss. Der Anbieter kann hierfür sogar Kosten erheben, diese dürften - wenn der Anspruch berechtigt ist - vom Verursacher der Urheberrechtsverletzung eingefordert werden. So bleibt die Beweislast wie sie ist und niemand muss sich auf eine möglicherweise fehlerhafte Software verlassen...

dobby.s am 6.09.12 3:00

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