Sonntag, 23.09.2012
Lytro-Kamera: Revolutionär, unausgereift und teuer
Ende 2011 war erstmals von einer bezahlbaren Kamera zu lesen, mit der erst fotografiert und später am PC ein beliebiger Bereich im Bild scharf gestellt werden kann. Damals dachte ich: Wow! Das wird die Amateur-Fotografie revolutionieren. Seit einigen Monaten ist diese
Lichtfeldkamera von Lytro (nur in den USA) zu kaufen.
Nachdem ich jetzt einige Tage Gelegenheit hatte, sie ausführlich auszuprobieren, bin ich allerdings ernüchtert: Zwar ist es tatsächlich beeindruckend, im Nachhinein ganz nach Belieben mal den Bild-Vordergrund eines Foto und einen Mausklick später im selben Foto einen Teil des Hintergrunds scharf stellen zu können. Aber rechtfertigt dies all die Nachteile, die diese mindestens 400 Dollar kostende Kamera mit sich bringt? Ich finde: Nein.
Zum Scharfstellen an eine beliebige Stelle des Foto klicken
Das Äußere weiß zu gefallen
Dabei kann das Äußere der Lytro durchaus überzeugen. Das an ein Kaleidoskop erinnernde rechteckige und langgezogene Gehäuse besteht zum überwiegenden Teil aus Aluminium, nur das letzte Drittel ist gummiert, damit sich die Kamera besser in der Hand halten lässt. Es gibt nur wenige Bedienelemente: Den An- und Aus-Schalter sowie einen Auslöseknopf - beide sind in das gummierte Gehäuse eingelassen.
Bis zu 8fach kann gezoomt werden, indem man mit dem Finger von links nach rechts über die Gehäusekante streicht. Anstelle umfangreicher Programm-Modi, wie man sie von anderen Digitalkameras gewohnt ist, kann die Lytro lediglich zwischen Normal- und Kreativ-Modus wechseln. Das kleine, nur 1,46 Zoll messende Touchscreen-Display fungiert als Sucher. Außerdem kann ich mir zum Beispiel durch Wischgesten meine bereits geschossenen Aufnahmen angucken.
Zum Scharfstellen an eine beliebige Stelle des Foto klicken
Um die Lytro-Aufnahmen am Computer angucken zu können, benötigt man eine spezielle Desktop-Software. Damit andere die Fotos betrachten können, müssen sie auf einen Lytro-Server ins Netz hochgeladen werden. Von dort aus können sie dann auch in unterschiedliche soziale Netzwerke (z.B: Facebook, g+) oder auch ins eigene Blog eingebunden werden.
Test-Fotogalerie und die wichtigsten Schwachstellen
Wer einen Blick auf meine Testbilder werfen will:
Bitte hier entlang. Am Ende der Galerie finden sich auch einige besonders enttäuschende Aufnahmen. Alle Fotos entstanden bei Lichtverhältnissen, die selbst eine erheblich günstigere digitale Kompaktkamera kaum vor Probleme gestellt hätten. Der besseren Übersichtlichkeit halber liste ich im Folgenden meine wichtigsten Erfahrungen beim Testen der Kamera in Kurzform auf:
- Ein gutes Lytro-Bild setzt voraus, dass sich der Fotograf erheblich mehr Gedanken über seine Bildkomposition machen muss, als bei einer herkömmlichen Kamera: Ideal ist es, wenn sich nah an der Linse (10 bis 30 Zentimeter) ein erstes Motiv befindet, zusätzlich sollten aber auch in unterschiedlichen Abständen dahinter weitere interessante Objekt zu sehen sein. Bei meinen Testaufnahmen in der Kölner Innenstadt stellte ich fest, dass nur wenige mir unbekannte Mitmenschen begeistert reagieren, wenn ich ihnen mit der Lytro sehr nahe kam.
- Die Lytro ist extrem lichtschwach: Gute Bilder bei künstlicher Beleuchtung bzw. im Schatten zu machen, ist so gut wie unmöglich.
- Da das Display sehr klein ist und sich schon bei einem kleinen seitlichen Einfallswinkel kaum noch Details des Motivs darauf erkennen lassen, sind viele Fotos reine Glücks-Treffer. Es empfiehlt sich, für jedes Wunschmotiv mehrfach auszulösen, um am Ende ein zufriedenstellendes Resultat zu haben.
- Die bereits oben beschriebene in den Gehäuserand integrierte Zoom-Leiste führt dazu, dass sie in der Praxis auch aus Versehen benutzt werden kann - je nachdem wie man die Kamera hält.
- Eine Nachbearbeitung der Fotos in Bezug auf Helligkeit, Kontrast, Farben usw. ist nur möglich, wenn das Lytro-eigene Dateiformat in ein herkömmliches JPG-Foto umgewandelt wird. Dann jedoch ist es nicht mehr möglich, den Schärfepunkt zu verändern.
- Die ungewöhnliche, an ein Mini-Fernrohr erinnernde Form der Lytro ist bauartbedingt, erschwert aber dem Fotografen die Handhabung, wie er es von anderen Kameras gewohnt ist.
- Auch bei Fotos, die unter guten Aufnahmebedingungen (Sich nicht bewegende Motive, gute Lichtverhältnisse) entstanden sind, fällt in der Vollansicht am Computer auf, dass die Bildqualität was Schärfe und Farbechtheit angeht, nur mittelmäßig ist. Je nach Aufnahmesituation ist außerdem ein starkes Bildrauschen erkennbar, wie es selbst bei billigen Einsteigerkameras immer seltener auftritt.
Deutsche Käufer haben ein Problem
Wer sich durch all diese Einschränkungen nicht vom Kauf abschrecken lassen will, der könnte noch an einer anderen Hürde scheitern: Auch jetzt, ein halbes Jahr nach Verkaufsstart in den USA, ist die Lytro immer noch nicht in Europa erhältlich. Wer sie auf der US-Seite der Firma bestellen will, muss eine US-amerikanische Adresse angeben, an die die Kamera geliefert wird. Und auch wenn es inzwischen diverse Dienstleister im Netz gibt, die für solche Fälle eine US-Adresse anbieten, sich auch um die Weiterleitung an die deutsche Zieladresse kümmern und selbst die deutsche Zoll-Abwicklung übernehmen: Dieser Weg hat seine Tücken, wie ich selbst feststellen musste: Meine erste Lytro-Kamera war defekt und musste zum Austausch zurück in die USA geschickt werden, natürlich mit zusätzlichen Versandkosten verbunden. Doch damit nicht genug: Der Lytro-Support weigerte sich auch in diesem Garantie-Fall, die reparierte bzw. ausgetauschte Kamera an mich nach Deutschland zurückzuschicken. Erneut musste ich die Rücksendung über eine Adresse in den USA organisieren.
Wann kommt der Marktstart in Europa?
Ich hatte vermutet, Lytro würde zur Photokina den europäischen Verkaufsstart ankündigen. Doch weit gefehlt: Nicht einmal mit einem eigenen Stand war das Unternehmen auf
der weltweit größten Messe der Fotografie-Branche vertreten. Nur drei kurze Vorträge und drei Photowalks (bei denen ausgewählte Messebesucher die Kamera ausprobieren konnten) - mehr war von Lytro auf der Photokina nicht zu hören und sehen. Aber vielleicht kommt ja schon bald ein Nachfolgemodell mit ausgereifterer Technik und umfangreicheren Features auf den Markt. Und wird dann hoffentlich von Beginn an weltweit vertrieben.
Wer sich noch mehr ins Thema einlesen will, dem empfehle ich den ausführlichen
Lytro-Testbericht der Computerzeitschrift Chip. Und wer schon eine Lytro-Kamera besitzt, sollte sich die Adresse
des deutschsprachigen Lightfield-Forums speichern. Dort gibt es regelmäßig Infos, Tipps und Neuigkeiten rund um die Lytro-Kamera.
tja geht eben nix über ne gute Spiegelreflex und das
ganze dann im "M" Modus :-)
tom am 23.09.12 18:26
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