Montag, 24.09.2012
Der Iran und die totale Netz-Kontrolle
Nun ist es also (wieder) passiert:
Der Iran hat Google und Google Mail gesperrt. Offizielle Begründung: Das umstrittene Schmäh-Video, das auf Youtube zu sehen ist und so viele Menschen in den arabischen Ländern verstört und ärgert.
So etwas nennt man wohl Sippenhaft: Nicht Youtube wird gesperrt, sondern Google, weil Youtube zu Google gehört. Da wird kurzerhand der komplette Suchdienst ausgeknipst und der Mail-Dienst gleich dazu. "Bis auf weiteres", heißt es - weil Google und Google Mail auf das Youtube-Video verlinken und vor allem, weil sich Google konsequent weigert, das Youtube-Video zu sperren - was
auch nicht unumstritten ist. Dass viele iranische Geschäftsleute Google Mail nutzen, um mit der westlichen Welt zu kommunizieren, juckt das Regime nicht weiter. Strafe muss (wohl) sein. Mehr Willkür ist kaum denkbar.
Iran hat Google und Google Mail gesperrt - auf "unbestimmte Zeit"
Iran will das Internet dauerhaft kontrollieren
Ich denke, es ist vielmehr ein Muskelspiel: Iran will zeigen, wie einfach es ist, Teile im Internet auszuknipsen. Das Sperren eines kompletten Onlinedienstes wie Google ist allerdings nur in einem Land denkbar, das straff geführt und in dem die technische Infrastruktur zentral verwaltet wird, wo praktisch (bildlich gesprochen) der gesamte Datenverkehr mit dem Ausland über eine Leitung abgewickelt wird. Wer Kontrolle über diese Leitung hat, der kann natürlich auch kontrollieren, was gefiltert wird und ob überhaupt Kommunikation mit dem Ausland stattfindet.
Zwar ist das Internet grundsätzlich so konzipiert, dass sich die Datenpakete ihren Weg suchen, wenn es eine Störung gibt. Wenn aber der gesamte Datenverkehr mit der Außenwelt zentral kontrolliert wird, dann spielt das keine Rolle. In diesem Fall hat eine Regierung, ein Regime, dieselbe Macht über das Netz im gesamten Land wie ein Arbeitgeber über sein Firmen-Netzwerk. Alles nur eine Frage der Organisation.
Nicht die erste Sperrung im Iran. Schon mehrfach wurde Google blockiert, etwa weil dem Regime die Schreibweise eines Meeres in Google Maps nicht gepasst hat. Auch das Videoportal Youtube ist immer wieder der Zensur unterworfen, ebenso soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter, die vor allem von politischen Aktivisten gerne genutzt werden. Nicht nur deshalb ist es äußerst bedenklich, wenn auf Fingerschnippen das Internet blockiert, gefiltert oder zensiert werden kann. Doch genau das hat der Iran vor: Aus dem Internet soll ein landesweites Intranet werden, das bei Bedarf der kompletten Kontrolle unterworfen ist.
Proteste gegen den Youtube-Film in Indonesien
Umgehung der Sperrung machbar - aber nicht leicht
Zwar können auch im Iran technisch erfahrene Menschen über Umwege an gesperrte und blockierte Angebote herankommen, etwa indem sie ein sogenanntes
Virtual Private Network nutzen, das den Umweg über ein anderes Netz im Ausland geht, das wiederum die Daten der gesperrten Angebote holt und weiterleitet. Allerdings ist der Datentransfer hier in der Regel langsamer - und gefährlich ist es auch, denn man darf sich dabei nicht erwischen lassen.
Nicht wenige fragen sich, ob solche Sperrungen grundsätzlich auch hierzulande denkbar wären, schließlich gibt es auch bei uns immer wieder Bestrebungen, in die Netzfreiheit einzugreifen. Natürlich ist hierbei ein Regime wie im Iran mit einem demokratischen Rechtsstaat nicht zu vergleichen. Aber zumindest theoretisch wäre es rein technisch auch bei uns denkbar - allerdings deutlich schwieriger, gibt es doch zahllose unabhängige Provider. Ganz abgesehen davon, dass die das genauso wenig wie die unzähligen User einfach so hinnehmen würden - und sich schon aufgrund der Rechtslage erfolgreich dagegen wehren würden. Aus gutem Grund ist es hier nicht so einfach, etwas zu sperren. Und das ist auch gut so!
Aber eins noch: Wer sich aufregt oder auch nur darüber ärgert, dass im Iran das Internet immer wieder gefiltert, gegängelt, zensiert oder eingeschränkt wird, der sollte das auch tun, wenn hierzulande Einschränkungen der Netzfreiheit angedacht werden - wenn auch aus anderen Motiven. Aber es zeigt sich doch überdeutlich, dass ein freies Internet mehr Vor- als Nachteile bringt. Davon zumindest bin ich fest überzeugt.
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