Montag, 10.09.2012
Bettina Wulff: Mutig und geschäftstüchtig
Ein halbes Jahr lang hatten sich Bettina und Christian Wulff
nach ihrem tiefen Fall fast völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Seit Freitag ist zumindest der Name der Ex-Präsidenten-Gattin wieder in aller Munde. Ausgelöst wurde das Comeback durch einen Exklusiv-Bericht der
Süddeutschen Zeitung (SZ). Doch der eigentliche Kern der Nachricht,
nämlich dass CDU-interne Kreise durch das intrigante Streuen böswilliger Gerüchte mitverantwortlich für den Sturz des ehemaligen Bundespräsidenten gewesen sein könnten, ist inzwischen fast völlig in den Hintergrund getreten.
Die Diskussion reduziert sich auf die Causa Google
Stattdessen steht vor allem der Milliardenkonzern Google im Mittelpunkt. Bettina Wulff klagt gegen den Betreiber der weltweit größten Suchmaschine, um zu verhindern, dass bei Eingabe des Namens "Bettina Wulff" in der Suchzeile der Google-Webseite weiterhin kontextbezogene Wörter ergänzt werden. Diese sogenannte Autocomplete- bzw. Auto-Vervollständigungs-Funktion listet bislang beispielsweise Begriffe wie "Prostituierte", "Rotlicht" oder "Escort" auf.
Bettina Wulff klagt gegen Google
Google sieht sich im Recht
Doch anders als viele Medien und Journalisten, gegen die Wulff ebenfalls klagte und von denen nach Informationen der SZ bereits 34 Unterlassungs-Erklärungen abgegeben haben, will Google offenbar nicht einknicken. Der Konzern nehme keinen Einfluss auf die vorgeschlagenen Suchbegriffe. Man werde das Gericht entscheiden lassen, sagte Google-Sprecher Kay Oberbeck. Laut Google wird die Autocomplete-Funktion nicht redaktionell betreut, stattdessen handele es sich bei den vorgeschlagenen Wörtern
um eine Kombination aus häufig von anderen Nutzern eingegebene Suchbegriffen und Seiten, die von Google erfasst würden.
Muss die autocomplete-Funktion ganz abgeschaltet werden?
Schon einige Male musste sich Google mit Klagen wegen seiner Autovervollständigungs-Funktion auseinandersetzen. Doch anders als beispielsweise in Frankreich und Japan ging der Konzern in Deutschland nach eigener Aussage bislang in allen Fällen als Sieger vom Platz. Und nicht nur
der auf Internetrecht spezialisierte Anwalt Thomas Stadler geht davon aus, dass auch die aktuelle Klage abgewiesen werden wird.
Nur wenige schätzen Wulffs Erfolgsaussichten positiv ein und
fordern sogar, die Autovervollständigung müsse ganz abgeschaltet werden.
Wer ist Teil der "Verleumdungsmaschine"?
Doch unabhängig von einer rein juristischen Bewertung des Falls ist im Netz auch eine Diskussion um andere Aspekte dieser Auseinandersetzung entbrannt: Macht sich Google, indem es für eine zusätzliche Verbreitung womöglich wahrheitswidriger Gerüchte sorgt, zum "willigen Helfer" einer automatisierten "Verleumdungsmaschine"?
Das findet Michael Spreng - übrigens selbst
jahrzehntelang als Bild- und Express-Journalist nicht ganz unbeteiligt an der Verbreitung von Gerüchten.
Dass Spreng allerdings mit virtuellen Steinen in seinem Glashaus wirft,
weil er selbst aktiver Bestandteil dieser "Verleumdungsmaschine" ist, beweist Blogger Felix Schwenzel. Und Schwenzel weist auch darauf hin, dass die "Causa Google" genau genommen eine Causa Goggle-Bing-Yahoo ist, denn die autocomplete-Funktion gehört bei allen großen Suchmaschinen inzwischen zum Standard.
Nicht nur Google bietet die kritisierte autocomplete-Funktion an
Der Streisand-Vergleich hinkt
Ich finde es bedauerlich, dass sich die Diskussion innerhalb weniger Tage auf Google
(und Günther Jauch) reduziert hat. Denn eigentlich geht es doch darum, dass on- wie offline Gerüchte gestreut wurden. Mit offenbar böswilliger Intention und offenbar ohne jede Grundlage. Nun hämisch darauf hinzuweisen, dass das Gerücht durch eine öffentliche Klage
dank des so genannten Streisand-Effekts erst Recht verbreitet würde, verkennt
wie Stefan Niggemeier zu Recht schreibt, die Tatsache, dass Bettina Wulff durch ihre Klagen nun erstmals wieder die Kontrolle über die Geschichte zurückgewinnt. Und dass sie wie jedes andere Opfer ein Recht dazu hat, sich gegen böswillig verbreitete Gerüchte zur Wehr zu setzen.
Forderung: Mehr Transparenz statt mehr Zensur
Und auch einem anderen Aspekt wird in der Debatte bislang zu wenig Raum gewährt: Selbst wenn es so ist, wie von Google behauptet, dass die umstrittene autocomplete-Funktion redaktionell nicht betreut wird und lediglich automatisiert zusammenfasst, wofür wir alle mitverantwortlich sind, ist es an der Zeit, die Suchmaschinenbetreiber stärker in die Pflicht zu nehmen. Denn dass sie auch mit solchen Automatismen die öffentliche Wahrnehmung beeinflussen, ist ebenso unstrittig wie die Tatsache, dass sie selbst sehr wohl aktiv eingreifen, wenn es um die Anzeige (oder Nichtanzeige) von Suchergebnissen zu ihrem Vorteil geht. Als Suchmaschinen gestartet, seien Google und Co längst "Öffentlichkeitsakteure",
schreibt Dirk von Gehlen und daran muss sich ihr Handeln auch messen lassen.
Doch eine Selbstbeschränkung, womöglich sogar erzwungen durch staatliche Vorgaben, ist sicher der falsche Weg. Zu groß ist aus meiner Sicht die Gefahr,
dass dieser Weg dem Missbrauch, im schlimmsten Fall sogar der Zensur die Tür öffnet. Was wir brauchen ist vor allem mehr Transparenz auf Seiten der Suchmaschinen-Betreiber.
Schon 2011 appellierte der amerikanische Netzaktivist Eli Paris an die beiden Google-Gründer: "Larry und Sergey, legt eure Filter-Mechanismen offen, gebt uns Zugang zu den Daten."
Die Causa Wulff hat einen faden Beigeschmack
Doch als wäre das Thema nicht bis hierhin schon kompliziert genug, sollten wir auch zwei andere Aspekte nicht aus den Augen verlieren. 1. Dass die unterstellte Ausübung einer Tätigkeit, die in Deutschland per Gesetz als Beruf und als sozialversicherungspflichtige Dienstleistung anerkannt ist, derartige Folgen haben kann,
sagt auch einiges über die (Doppel-)Moral unserer Gesellschaft aus. 2. Ich finde es schade, dass die aus vielerlei Gründen sinnvolle Diskussion
kurz vor Bettina Wulffs Buchveröffentlichung erfolgt. Nicht nur weil
die Ex-Präsidentengattin gelernte PR-Fachfrau ist, hinterlässt das bei mir einen faden Beigeschmack.
PS: 1LIVE.de hat heute ein kleines Experiment gestartet, um herauszufinden, ob und wie Google durch seine User beeinflussbar ist. Oder um es
mit den Worten der Konkurrenz auszudrücken: "Simon Beeck ist die Bettina Wulff des Westdeutschen Rundfunks". Mehr Infos zur "Auspuff-Fallstudie"
gibt es hier.
Wenn Menschen intellektuell nicht mehr in der Lage sind, die Google-Suchvorschläge als Ansammlung von Stichwörtern aus vorherigen Suchabfragen von anderen Menschen zu begreifen, die ebenso mit Vorurteilen behaftet durchs tägliche Leben rennen, dann sollte man das Internet wirklich einfach abschalten - und damit auch das alltägliche Google-Bashing halbwissender Journalisten beenden.
Klaus Lohmann am 10.09.12 16:19
Für mich hat diese wohl überlegte und von langer Hand vorbereitete Aktion genau einen einzigen Sinn:
So viel Geld wie möglich verdienen!
Denn diese Frau hat bereit mit Hilfe von Abmahnanwälten Geld aus 34 Internetbetreibern herausgepresst. Und dabei ging es um fünfstellige Summen pro Fall. Damit ließ sich bereits richtig Geld machen.
Nun nutzt man eine Werbefläche, für die man Millionen zahlen müsste. Einen besseren Werbeeffekt gibt es nicht!
Von diesen Gerüchten aus der CDU in Niedersachsen habe ich übrigens vor drei Tagen zum ersten Mal etwas gehört. Wäre Frau Wulff ruhig geblieben, hätte niemand etwas davon erfahren. Nun ist das Gerücht erst recht in der Welt.
Der Streisand-Effekt ist halt unbezahlbar.
ThomWeb am 11.09.12 11:11
PR - Arbeit auf niedrigen Niveau - zum ankurbeln des Buchverkaufes --- das hätte Familienfreund und Abzocker Carsten Maschmeyer (ehemals AWD) nicht besser machen können.
Heinz Faßbender am 11.09.12 11:53
Wie Fr. Wulff gerade von den Medien behandelt wird, ist eine absolute Frechheit in meinen Augen. Diese Schockschlagzeilengeilheit geht mittlerweile wirklich zu weit...
Alexander am 11.09.12 14:08
Hallo,
dieser ganze Medienhype um Frau Wulff ist völlig unverständlich.
Ihre Klagen haben auch schon andere geführt, ohne dass so ein Theater gemacht wurde. Aber halt...die anderen schreiben ja nicht grad ein Buch, wofür kräftig die Werbetrommel gerührt werden muss. Und jetzt heizt sie die Schlagzeilen weiter mit Eheproblemen an. Ganz ehrlich, das interessiert nicht!
Aber jetzt, wo ihr Mann seine Machtstellung verloren hat, gibts Probleme.
Sie wird sich bald von ihm trennen und einen neuen Mann suchen, der Maccht und Einfluss hat. Aber bitte bitte liebe Medien, verschont uns mit den Eheproblemen dieser Leute. es gibt doch wirklich Wichtigeres.
Myriana am 11.09.12 22:56
Geschäftstüchtig ist Frau Wulff ganz sicher, es war schon auffallend, dass die Ankündigung ihrer Klage gegen Google und Jauch zeitgleich mit der Veröffentlichung ihres Buchs passierte. Das ist für mich ein Grund mehr, dieses Machwerk ganz sicher nicht zu kaufen, Interessantes ist nicht zu erwarten und Geld hat sie dank der großzügigen finanziellen Versorgung ihres Mannes auch so genug. Außerdem ist das Thema gottseidank abgehakt
Gina am 12.09.12 19:48
ich würde sagen die Ratten verlassen das sinkende Schiff.....alles deutet auf eine Trennung bei den Wulffs hin........seit die Staatsanwaltschaft ermittelt, distanziert sich Frau Wulff immer mehr.....es gilt nicht mehr " in guten wie in schlechten Zeiten"......
mcsehk am 13.09.12 6:34
@Klaus Lohmann: Das Internet abschalten? Geht´s noch? Wie andere Leute Autovervollständigungen interpretieren ist doch alleine deren Sache. Ich finde sie im Allgemeinen sehr hilfreich, da sie mich oft genug zu den gewünschten Themen führen. Und ob bei einer Frau Wulff ihr unangenehme Ergängungen kommen oder nicht, ist mir so etwas von Wurst...
Pat am 13.09.12 12:17
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