Montag, 17.09.2012
Google Maps für Bahnfahrer
Auch die Bahn geht mit der Zeit - gelegentlich. Seit heute (17.09.2012) kann man sich nicht nur über die Bahn-Homepage über Zugverbindungen informieren, sondern auch dort, wo es sinnvoll ist: In Google Maps. Ab sofort enthalten Googles Onlinekarten
aktuelle Bahn-Infos und berechnen auf Wunsch Verbindungen. Wer Google Maps am PC oder auf dem Smartphone aufruft, kann sich im Routenplaner ausrechnen lassen, welche Zugverbindungen sich anbieten. Google Maps verrät Zugnummern und Abfahrtzeiten. Auch ob es sich um Regional- oder Schnellzüge handelt, um IC oder ICE, verrät der Routenplaner.
Google Transit jetzt auch in Deutschland angekommen
So weit, so praktisch.
Google Transit nennt sich dieses in den USA bereits länger bewährte Infosystem mit Daten aus dem öffentlichen Nahverkehr, ob Bus oder Bahn. Aber einfach Start- und Zielpunkt eingeben und sich en detail ausrechnen lassen, wie man am schnellsten mit öffentlichen Verkehrsmitteln von A nach B kommt, das klappt leider nicht - oder jedenfalls nicht so gut, wie es denkbar wäre.
Google Maps informiert über Zugverbindungen
Warum? Weil die Daten vieler Nahverkehrssysteme, etwa die Fahrtpläne von U- und Straßenbahnen sowie City-Bussen, in den Datenbanken nicht gespeichert sind. Die Netze werden nicht von der Bahn betrieben und werden deshalb, zumindest in der aktuellen Fassung des Infosystems, auch nicht berücksichtigt. Google Maps schickt einen deshalb mitunter zu Fuß quer durch die Stadt, zum Hauptbahnhof oder zur nächsten S-Bahn. Bedingt praxistauglich, würde ich sagen.
Daten der Nahverkehrssysteme nicht bekannt
Benutzer können in Google Maps zwar mmerhin auch passende Start- oder Endzeiten eingeben oder bestimmen, mit welchen Verkehrsmitteln sie fahren wollen (Bus, U-Bahn, Zug oder Straßenbahn) - aber zu einem absolut überzeugenden Aha-Erlebnis reicht es einfach nicht. Denn der Nahverkehr wird noch nicht überall berücksichtigt wird. Für den User ist das etwas frustrierend. Dabei liegen die Daten der Bahn sogar vor, sie dürfen aber - zumindest derzeit - für solche Projekte offensichtlich nicht genutzt werden.
Praktisch: Wenn man eine passende Verbindung gefunden hat, reicht ein Klick darauf und man wird mit der Buchungsseite der Bahn im Web verbunden. Auf diese Weise lässt sich gleich ein Ticket kaufen. Allerdings klappt dies nicht in der Mobilversion des Systems, etwa wenn man m.google.de auf dem Smartphone aufruft oder eine App verwendet. Hier gibt es keinen direkten Link zum Buchungssystem, dabei wäre das gerade hier extrem sinnvoll. Angesichts der rund zwei Jahre andauernden Entwicklungszeit, die man sich angeblich für das Projekt gegönnt hat, nur schwer verständlich.
Echtzeit-Zugmonitor: Überwacht Zugverspätungen - mit offiziellen Daten wäre das noch einfacher
Nur Google bekommt derzeit Daten von der Bahn
Für Kritik sorgt die Tatsache, dass die Bahn ihre Daten zwar dem Internetriesen Google anbietet - immerhin! -, aber anderen bislang nicht. Microsoft, Yahoo, Apple und andere bleiben so außen vor, dabei wären auch sie an den Daten interessiert, von kleineren Portalen ganz zu schweigen. Auch das eigentlich ein Unding, denn schließlich ist die Bahn kein Privatunternehmen, sondern fest in öffentlicher Hand. Da sollte nicht ein Anbieter - hier: Google - bevorzugen werden. Jeder sollte auf die Daten des Fahrplans zugreifen können, idealerweise sogar auf die Live-Daten der Bahn, denn so lassen sich dann auch Zugverspätungen überwachen (die werden auch in Google Maps derzeit nicht angezeigt).
Es muss dringend eine Schnittstelle her - davon würde auch die Bahn profitieren. Denn Entwickler sind kreativ. Sie denken sich Dinge aus, auf die ein träger Apparat wie die Bahn niemals kommen würde. Man würde ganz sicher Apps sehen, die einem die schönste Verbindung von A nach B ausrechnen, oder eine Fahrtstrecke, die behindertentauglich ist - oder eine, bei der man den Sternenhimmel bewundern kann.
An Ideen mangelt es im Web nie. Immerhin gibt es einige der Bahn-Daten zur kostenlosen Verwendung. Das Projekt
openPlanB macht's möglich, aber auch das ein privates Projekt, nicht etwa ein Service der Bahn. Mittlerweile gibt es sogar eine
Online-Petition: Die Bahn AG möge ihre Daten der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Genau.
Na endlich, auf sowas warte ich schon eine Zeit lang. Super!
Daniel am 18.09.12 11:24
Schaut man die Strecke von Frankfurt nach Hannover wird Umleitung durch Berlin angezeigt... Verbesserungswürdig.
Bahner am 19.09.12 0:15
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Montag, 17.09.2012
Google und die Netzzensur
In der arabischen Welt gehen die Menschen auf die Straße, einige greifen sogar aus blinder Empörung Botschaften westlicher Länder an, darunter die deutsche. Sie zertrümmern Scheiben, zündeln, morden sogar. Anlass für die in Gewalt mündende Empörung ist das Hetz-Video "The Innocence of Muslims", das aus den USA kommt und sich seit einigen Tagen rasant im Web verbreitet - und wie das bei Youtube so üblich ist: weltweit.
Ohne Youtube hätte sich vermutlich niemand diesen Schwachsinn angesehen - und kaum jemand hätte sich je darüber aufgeregt. Doch Youtube hat für Zuschauer und Verbreitung gesorgt. Google führt die Leute hin, man muss nur nach dem Titel suchen.
Proteste gegen den Youtube-Film in Indonesien
Ohne Google und Co. wäre das Video also schwer bis gar nicht auffindbar gewesen, denn im Kino oder Fernsehen wird man den Streifen garantiert nie sehen. Apropos: Zwar geben die meisten aufgebrachten Demonstranten sogar zu, wie die Kollegen bei
tagesschau.de berichten, das Skandal-Video selbst noch nie angeschaut zu haben. Sie empören sich aber trotzdem. Es reicht, dass es da ist und so leicht verfügbar.
Auch Medien müssen Verantwortung übernehmen
Da stellt sich wohl auch mal die Frage nach der Verantwortung. Youtube hat das Video immerhin zugelassen und verteilt es trotz der Proteste und selbst nach den erheblichen Übergriffen nach wie vor in weiten Teilen der Welt. Die simple Begründung: Das Video verstoße halt nicht gegen die Google-Nutzungsbedingen. Das ist natürlich ein Standpunkt - allerdings ein merkwürdiger, auch feiger. Es brennen Botschaften, es kommen Menschen um, aber für Google ist alleine die Frage entscheidend, ob das Anlass stiftende Video gegen die Nutzungsbedingungen von Google verstößt oder nicht?
Das umstrittene Video wird hunderttausendfach angeklickt
Mag durchaus sein, dass Googles Spielregeln solche Videos zulassen. Aber ein ernsthaftes oder überzeugendes Argument gegen Kontrolle (und damit auch wahrgenommener Verantwortung) ist das nicht. Denn jeder Clip, der auch nur eine nackte Brust zeigt, ist bei Youtube in Lichtgeschwindigkeit wieder aus dem Netz - denn natürlich kann nicht sein, was nicht sein darf. Da kümmert es den internationalen Konzern wenig, dass man in Deutschland lockerer mit Nacktheit etwas umgeht als in den USA. Regeln sind Regeln. So lange es die eigenen sind.
Ein Dilemma: Inhalte einschränken oder nicht?
Immerhin hat Youtube den Film in einigen arabischen Ländern mittlweile gesperrt oder die Nutzung eingeschränkt, darunter in Libyen und Ägypten. Aber das kommt ein bisschen spät und ist auch halbherzig, denn in anderen Ländern kann man den Film nach wie vor sehen. Und selbst nach Googles eigenen Richtlinien wäre es möglich, hier einzugreifen, denn ein Video ist auch dann nicht zulässig, wenn (sinngemäß) die Folgen der Veröffentlichung gravierend sind. Wenn das in diesem Fall nicht so sein sollte, wann bitte dann?
Rote Linie überschritten
Natürlich steckt Google in einer Klemme. Sobald etwas gesperrt wird, schallt es lauthals "Zensur!" im Netz. Eine allzu oft überzogene Kritik. Ich finde es absolut löblich, wenn Internetkonzerne nicht zensieren und einschränken wollen, so viel Freiheit zulassen wollen wie irgend möglich. Faktisch schränken sie aber ohnehin unentwegt Inhalte ein. Das Beispiel mit nackter Haut auf Youtube zeigt deutlich: Google zieht eine rote Linie für sich und zögert keinen Moment, Konsequenzen anzudrohen und auch anzuwenden, wenn ein User oder Partner diese rote Linie überschreitet. Wenn aber die eigenen Nutzungsbedingungen nicht direkt betroffen sind, jedoch eine rote Linie für andere Menschen überschritten wird (hier: Muslime), juckt es den Konzern nicht.
Das geht so nicht. Das Mindeste wäre wohl, dass Warnhinweise erscheinen, dass solche Inhalte nicht einfach so verfügbar sind und ohne Vorwarnung losstarten. Noch besser wäre ein intelligentes Inhalte-Management: Eine Instanz, die in solchen Situationen zeitnah entscheidet, was mit den Inhalten passieren soll. Gelten muss, dass eine solche Entscheidung aber für Einzelfälle vorbehalten sein muss.
Bei youtube verschwindet also jede nackte Brust? Sie kennen youtube wohl nur dem Namen nach und waren nie dort, sonst würden sie nicht so einen Blödsinn schreiben. Da gibt es mehr als nackte Brüste, geben sie mal "Bondage" ein.
Und warum das Video sperren? Damit ein paar geistesgestörte Mörder zu ihrem Recht kommen und dem Rest der Menschheit durch Gewalt ihren Willen aufzwingen? Würden diese Idioten etwas unterlassen, was Andere verletzt? Nein!
Der ganze Aufschrei, der jetzt durch die Medien geht und sich auch durch ihren Artikel zieht, ist nur ein Schwanzeinziehen vor der Gewalt geistig Minderbemittelter und wird diese ermutigen immer so weiter zu machen. Es ist lächerlich, wie wir uns damit erpressbar machen. Diese Geißel der Menschheit zündet Botschaften an, ermordert Menschen und wir sollen sagen: Ihr habt ja Recht, macht weiter so. Ihr seid schuldlos, das Internet ist schuld. Ja, nee, klar, wie blöd muss man sein, um so eine Einstellung zu haben?
juergen am 17.09.12 23:47
Sehr guter Beitrag - Herr Schieb - dem ich voll zustimme. Sobald die moralischen Grundsätze der eigenen US-Kultur betroffen sind (z.B. Pornograpahie): wird ein Video von youtube sofort gesperrt. Sobald jemand vermeintlich oder real finanziellen Schaden aufgrund eines Urheberrechtsverstoßes geltend macht: wird ein Video von youtube sofort gesperrt. Bei einem Video jedoch, dass auschließlich der Volksverhetzung dient (ein Straftatbestand in D), aufgrund dessen bis zum heutigen Tag 19 (!) Menschen getötet wurden, das ist aus Sicht von youtube von der Meinungsfreiheit gedeckt und das Video bleibt im Netz????
Kulturfreak am 18.09.12 7:31
Die Länder, in denen es zu Demonstrationen und Gewaltakten gekommen ist, sind Diktaturen, die für die innere Stabilität einen äußeren Feind benötigen. Die Demonstrationen werden von den Machthabern dieser Länder kalkuliert geschürt, der Westen muss als Feindbild herhalten. Die Bürger dort haben geringere Möglichkeit sich frei zu informieren als wir hier. Das Video habe ich nicht gesehen und werde es mir auch nicht anschauen, weil ich mich weder von der einen noch von der anderen radikalen Seite beeinflussen lassen möchte. Dummerweise werben gerade die instrumentalisierten gewaltätigen Demonstranten für diese Video, eben weil sie so radikal reagieren. Wären sie gelassen und ignorierten das Video, dann wüsste auch niemand davon. Sie selbst wüssten nicht mal davon, wenn es nicht die Diktatoren dieser Länder gewollt hätten.
Christian F. am 18.09.12 8:56
Diejenigen, die hier "pro zeigen" argumentieren, sollten dringend ihre eigene Sprachwahl überprüfen, denn statt mögliche gute Argumente zu liefern werden andere, die für eine Sperrung im Sinne einer Deeskalation sind, leider z.T. übel beschimpft. Das ist nicht der richtige Ansatz diese Probleme zu diskutieren und eine freiheitlich-demokratische Konfliktlösung zu erreichen.
Der entscheidende Punkt ist für mich ob es hier tatsächlich um freie Meinungsäußerung oder um gezielte Hetze unter dem Vorwand der freien Meinungsäußerung geht und darüber muss geredet und diskutiert werden und zwar fair und ohne Beschimpfungen. Es muss genauso erlaubt sein, Position dafür wie dagegen zu beziehen.
Aufgrund der ganzen Hetze bin ich inzwischen eher gegen eine Aufführung, obwohl ich zuerst der Meinung war, dass es nicht sein kann, dass ein wütender Mob uns zwingt etwas zu verbieten.
Paulina, Essen
Paulina am 18.09.12 11:15
Stopp: Thema ist nicht, ob die Reaktion der Muslime im Nahen Osten angemessen oder unangemessen ist. Jörg Schiebs Thema sind Googles Filterregeln: Google filtert und sperrt bei youtube in vielerlei Hinsicht (und täglich): viele Videos werden gesperrt, die nach deutschen Standards nicht gefiltert werden müßten/dürfen (Stichwort: "Nippel zeigen"), die jedoch nur deshalb gesperrt werden, weil sie Gefühle von vielen US-Amerikanern verletzten. Aber Google sperrt nicht bei einem Video, dass erheblich die religiösen Gefühle von Muslimen verletzt. Frage: Wird hier von Google mit zweilerlei Maß gemessen? Frage: Kann ein Dienstleister wie Google, der international agiert, nur einseitig Filterkritierien nach kulturellen Standards anwenden, die aus einer einzigen Kultur (nämlich der US-Kultur) kommen und die anderen außer Acht lassen???
Kulturfreak am 18.09.12 12:46
Wir machen gerade die Erfahrung, dass es gefährlich sein kann eine Meinung zu haben und diese auch zu äußern. "Google / Youtube sperrt das Video nicht, aber Pornographie", ist das Argument. Kann man denn eine Meinungsäußerung und - sei sie noch so blöde oder provokativ - mit Pornographie vergleichen? Hier wird gefordert die Meinungsfreiheit abzuschaffen, weil man Angst vor den Folgen hat. Und diese Folgen sind schlimm. Dänemark ist ein eingeschüchtertes Land geworden (habe ich auf WDR5 gehört). Es sind die Machtstrukturen in den islamischen Ländern die man zerstören muss. Dazu muss man unbedingt frei informieren. Freie Meinungsäußerungen sind keine Pornographie. Google / Youtube handeln hier richtig, aus welchen Gründen auch immer. Die Frage ist, wie gehen wir damit um, wenn eine Einzelmeinung dazu führt, dass ganze Länder bedroht werden und es Tote geben wird. Lassen wir uns einschüchtern oder stehen wir zu unserer Meinungsfreiheit? Wie werden wir uns wehren?
Christian F. am 19.09.12 8:42
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